Die kommende Bundesregierung ist noch auf der Suche nach ihrem Profil, wie könnte es anders sein in einer Pandemie, in der politisches Handeln derart stark herausgefordert wird wie sonst nur in Kriegszeiten.

In ästhetisch-körperpolitischer Hinsicht aber zeichnet sich bereits ab, wohin die Reise geht. Obwohl Olaf Scholz selbstverpflichtend eine paritätische Besetzung zwischen Frauen und Männern ausgerufen hat, ist bereits eine männliche Dominanz in Stilfragen sichtbar geworden.

Der Politik beim Wachsen zusehen

Es sprießt etwas am deutschen Kinn. Lindner, Buschmann, Habeck, Klingbeil – sie alle verkörpern nicht den Typ Bartträger, der sich robust-männlich einmal und für immer für eine äußere Erscheinung entschieden hat. Habeck und Klingbeil bevorzugen vielmehr den klassischen Dreitagebart, der coole Eindruck des Unrasiertseins deutet auf eine emotionale Reserve hin, mit der signalisiert wird, dass alles auch ganz anders sein könnte. Bartwuchs als Kontingenzerfahrung. Macht euch kein falsches Bild von dem, was ihr seht, soll das wohl heißen. Ich habe noch sehr viel mehr in petto. Robert Habeck weiß um seine rhetorischen Fähigkeiten und brilliert mit einem retardierenden Vortrag, in dem er beim Sprechen immer sogleich den Eindruck erweckt, über das eben Gesagte noch einmal neu nachdenken zu wollen. In diesem Sinne scheinen auch die Bartstoppeln ausdrücken zu wollen, wie man der Politik beim Wachsen zusehen kann.

Der kurz gehaltene Lindner-Bart

Der Lindner-Bart hingegen drückt demonstrativ den Eintritt in die Senioritätsphase aus. Rotblond und grau meliert scheint hier der Bartträger den juvenilen Zustand der Glätte und der Nacktheit demonstrativ hinter sich gelassen zu haben. Lieber ohne Bart als mit falschem Bart war früher die Devise. Gleichwohl deutet der kurz gehaltene Lindner-Bart die Phase des Dreitagebarts, ein ambivalentes Vor und Zurück, noch an. Ist es nicht genau das, was die Männer im fortgeschrittenen Alter auch über ihr politisches Treiben zum Ausdruck bringen wollen? Fortschritt hin, Aufbruch her? Mit der unsteten Zotteligkeit des Hipsterbartes jedenfalls haben sie nichts zu tun.