Wie erst am Montagnachmittag bekannt wurde, ist die Journalistin Bettina Gaus am 27. Oktober gestorben, und noch am Abend erschienen viele Nachrufe. Sie würdigen Bettina Gaus als unabhängige Stimme, als brillante Analystin, als mutig, meinungsstark, streitbar. Ihre Tochter Nora Mbagathi hat Bettina Gaus am Dienstag auf Twitter noch etwas anderes nachgerufen, einen Satz, den nur sie allein formulieren konnte: „Viel Schönes wird über sie als Journalistin gesagt, aber sie war eine ganz tolle Mutter.“

Nora Mbagathis Vater ist Kenianer, sie ist in Nairobi aufgewachsen, Bettina Gaus arbeitete damals als Afrika-Korrespondentin. Mit acht kam sie zurück nach Deutschland. Heute ist sie Juristin, sie beschäftigt sich mit dem Thema Menschenrechte. Bettina Gaus war bestimmt stolz auf sie.

Sie war keine dieser Journalistenmütter, die ihre Mutterschaft in Kolumnen verarbeiten. Und doch hat sie einmal über ihre Tochter geschrieben. Nora Mbagathi hat diesen in der taz erschienenen Text im Tweet verlinkt. Sie schreibt: „Zu meinem Schutz nannte sie mich Anna; zu meinem Spaß gab sie mir alle Tantiemen bei Nachdrucken.“ Der Text hat den Titel „Eine deutsche Kindheit“.

„Anna hat Wuschellocken und eine braune Hautfarbe“, schrieb Bettina Gaus. Und erzählt dann, wie die Zwölfjährige in einem Berliner Bus bedroht wird, von einem Mann, der erst wissen will, woher sie kommt, ihr dann Schläge androht und schließlich die Sprite-Dose wegreißt.

Statt „braun“ würde Bettina Gaus heute vielleicht „Schwarz“ schreiben, mit großem S, um zu unterstreichen, dass es nicht um die Hautfarbe, sondern um Rassismuserfahrung geht. Abgesehen davon ist der 21 Jahre alte Text erschreckend aktuell. „Es ist auch für Menschen mit brauner Hautfarbe nicht besonders gefährlich, in Deutschland zu leben. Vorausgesetzt sie wählen den richtigen Wohnort aus, verfügen über gute Einkommensverhältnisse, überprüfen die jeweilige Umgebung auf ihren Risikofaktor hin und verzichten gegebenenfalls auch mal auf einen Spaß. Viele derjenigen, die solche Überlegungen nicht anstellen müssen, halten das für durchaus zumutbar. Das Lebensglück hängt schließlich nicht vom Besuch eines Rummelplatzes ab. Nein, das Lebensglück nicht. Aber es geht nicht immer gleich um das Lebensglück."

Bettina Gaus hat der Empörung, die sie als Mutter empfand, gesellschaftliche Relevanz abgewonnen. Sonst hätte sie diesen Text nicht geschrieben.