Der Journalist und Autor Moritz von Uslar hat sich wieder in Zehdenick eingemietet.
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BerlinIch habe mich auf das neue Buch von Moritz von Uslar: „Nochmal Deutschboden“ gefreut, gleichzeitig habe ich mich vor der Lektüre gefürchtet. Den Vorläufer, „Deutschboden“, über den Alltag in der brandenburgischen Kleinstadt Zehdenick, mochte ich sehr. Als es 2010 herauskam, war es eines der besten Bücher, die damals über Ostdeutschland veröffentlicht wurden. Mich verblüffte, wie es ausgerechnet diesem schnöseligen Pop-Journalisten aus dem Westen gelingen konnte, den Osten so gut zu fassen. Kann ein Fortsetzungsbuch da nicht nur enttäuschen?

Wie es sich für einen guten Autor gehört, greift er den Gedanken selbst auf der ersten Seite auf: „Dies sollte nie nur ein blödes Fortsetzungsbuch werden, eher der Versuch, nochmal neu klug dumm zu sein und nicht von Anfang an alles zu wissen.“
Moritz von Uslar mietet sich also wieder in die Kleinstadt ein. Das Buch entstand im Frühjahr 2019, vor den Landtagswahlen mit dem AfD-Erfolg. Die Stadt hat sich verändert, der Autor auch. In „Deutschboden“ hatte er geschrieben, dass ihn nichts interessierte, schon gar nicht Neonazis. Das hatte ihm den Vorwurf eingebracht, er würde die Gefahr rechter Gewalt verharmlosen. Manja Präkels, die in Zehdenick aufgewachsen war, schrieb mit „Als ich mit Hitler Schnapskirchen aß“ eine Art Gegenbuch.

Der Vorwurf hat von Uslar offenbar nicht kalt gelassen. Er wolle diesmal alles anders machen und ein politisches Buch schreiben, wie er betont. „Nochmal Deutschboden“ ist glücklicherweise kein politisches Buch geworden, sondern ein wichtiges, lesenswertes und sogar amüsantes zeithistorisches Dokument, ein besonderes Ost-West-Drama.

An Thesen zu Ostdeutschland mangelt es nicht

Man trifft lauter alte Bekannte wieder: die Brüder Raul und Eric, Blocky, den Wirt Heiko. Aber Moritz von Uslar hängt diesmal nicht nur in der Kneipe ab, sondern ist auch unterwegs, fährt mit dem Bäckerauto übers Land, trifft Bürgermeisterkandidaten und organisiert eine Bürgersprechstunde mit der SPD-Politikerin Katarina Barley.

Ich war noch nie in Zehdenick, trotzdem kommen mir alle, die da auftauchen, sehr bekannt vor, die Sprüche, dass es keine echte Meinungsfreiheit gebe, keine Demokratie, der Neid auf Flüchtlinge. Ich kenne diesen Nachwendefrust, der sich zu einem allgemeinen Hass auf die Gesellschaft entwickelt hat. Die männlichen Protagonisten erinnerten mich an die Freunde meines jüngeren Bruders, die in den 90-Jahren rechtsradikale Bands hörten und am Wochenende von Dorfdisco zu Dorfdisco fuhren, um sich zu prügeln. CDs mit den Songs der rechtsextremen Band Landser wurden in vielen Orten Brandenburgs damals auf dem Schulhof verteilt. Die Jungs von damals sind die 35- bis 45-Jährigen von heute.

Wenn der Autor  beschreibt, wie alltäglich und normal Rassismus und Demokratiefeindlichkeit in den vergangenen zehn Jahren geworden sind,  dann ist das vielleicht nicht neu, aber es erschüttert in der Genauigkeit, in der er die Stimmung beschreibt. Seine Kritiker sagen: Das hätte man schon vor zehn Jahren wissen können. Vielleicht. Aber wenn er es übersehen hat, ist er nicht der Einzige.

In etlichen Rezensionen, vor allem in der FAZ, ist  Moritz von Uslar vorgeworfen worden, er habe keine Ahnung, er schreibe nur Männlichkeitsquatsch. Und er hat wirklich keine These, aber das macht sein Buch ja  so erfrischend. An Thesen zu Ostdeutschland gibt es nun wirklich keinen Mangel. Moritz von Uslar hört zu und kommt seinen Protagonisten nahe.

Es geht grade erst los

Wenn er darüber sinniert, warum die Mittdreißiger Raul und Eric so traurig darüber sind, dass eine DDR-Gaststätte geschlossen wurde, die sich zu einem Mythos entwickelt hatte, dann erfahre ich viel mehr über den Osten als in vielen soziologischen Analysen. „Die Jungs hatten ein Heimweh nach früher entwickelt, ihrer Schulzeit, Kindheit und sehr frühen Kindheit, … den sagenhaften Ost-Zeiten. Wenn diese noch nicht alten Leute sich mit einer geschlossenen Kneipe identifizierten, dann ja nicht mit dem Staat DDR, der für sie abstrakt oder negativ besetzt oder vollkommen gleichgültig war, sondern mit einigen Werten und Qualitäten, die im dreißigsten Jahr nach der Wende diffus dem Osten zugeschrieben wurden: Antimaterialismus, Gemeinschaftsgefühl und Zusammenhalt, Loyalität, gute Nachbarschaft, schroffer Humor, Sein-Herz-auf-der-Zunge-Tragen, eine gewisse Chuzpe, Unangepasst und Kampfeslust à la ,Wir lassen uns nicht den Mund verbieten‘, diese Dinge.“

Wenn man künftig nach einer Definition von Ost-Stolz sucht, muss man nur hier nachschlagen: „Der Fun, den es als Ostdeutscher bedeutete, dem arroganten Westdeutschen ins Gesicht zu sagen, dass man mit seiner schönen Demokratie und seinem blöden Turbokapitalismus und Werten nichts zu tun haben wollte ­– das ging grade erst los.“ Von Uslar lässt sie reden, er kommt ihnen nahe. Man spürt: Er mag die. Ausgerechnet er, der Schnösel, der am liebsten im Grill Royal rumhängt.

Er macht die Ostdeutschen nicht zum Opfer, er beschönigt  nichts. Er beschreibt Menschen, die in ihrem Leben ziemlich viele Krisen erlebt haben und die, um diesen Krisen Sinn zu geben, jetzt selbst überall nur Krise und Niedergang sehen. Diese Destruktivität gibt es nicht nur im Osten, da aber besonders oft. Und: Es geht grade erst los.

Moritz von Uslar: Nochmal Deutschboden. Meine Rückkehr in die brandenburgische Provinz, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 330 S., 22 Euro