Was für ein Leben: Angel Wagenstein feiert seinen 100. Geburtstag

Der Jude Angel Wagenstein war Partisan in Bulgarien, schrieb Drehbücher für Konrad Wolf in der DDR, für Wolfgang Staudte in der BRD. Das Kino Toni würdigt ihn.

Filmausschnitt aus „Angel Wagenstein: Art Is a Weapon“
Filmausschnitt aus „Angel Wagenstein: Art Is a Weapon“Arcadia Pictures

Er war Partisan im antifaschistischen Widerstand während des Zweiten Weltkriegs in Bulgarien, in einem Arbeitslager entging er knapp dem Tod, zu dem er bereits verurteilt war, am 17. Oktober feiert er in Sofia seinen 100. Geburtstag: Angel Wagenstein. Was für ein Leben.

Geboren wurde Angel Wagenstein 1922 in Plowdiw, Bulgarien, in eine jüdische Handwerkerfamilie. Seinen Vater lernte er im Gefängnis kennen, da war er vier Jahre alt. Der Vater hatte am Septemberaufstand im Jahr 1923 teilgenommen, den die kommunistische Partei initiiert hatte. Nach der Entlassung des Vaters zog die Familie nach Paris, kehrte aber nach einer Generalamnestie nach Bulgarien zurück. Wagenstein schloss sich den Partisanen an, als 1941 die Nazis in Bulgarien einmarschierten. Nach einem Banküberfall wurde er verhaftet und zum Tode verurteilt. Es war die Rote Armee, die ihn rettete. Als sie vor Sofia stand, zogen sich die Deutschen zurück.

Wagenstein studiert an der Filmhochschule in Moskau, 1950 macht er seinen Abschluss. In der DDR arbeitet er mit Konrad Wolf zusammen, er gilt als dessen bester Freund. Für ihn schrieb er die Drehbücher von „Sterne“, „Der kleine Prinz“ und „Goya oder der arge Weg der Erkenntnis“.

„Sterne“ mit Wagensteins Drehbuch wird in Cannes ausgezeichnet

„Sterne“ ist die Geschichte eines deutschen Unteroffiziers, der während des Zweiten Weltkrieges in Bulgarien stationiert ist und dort, im Lager, eine griechisch-jüdische Lehrerin kennenlernt. Mit ihren Mitgefangenen, darunter zahlreichen Kindern und Greisen, soll die Frau in den Tod geschickt werden. Der Unteroffizier, der sich in sie verliebt, hilft ihr mit Medikamenten. Doch er kann sie nicht retten, sie wird nach Auschwitz abtransportiert.

Bei der Defa ist man begeistert, in Bulgarien lehnt die Parteiführung den Film ab. Der Vorwurf lautet: „abstrakter Humanismus“. Warum muss ein religiöses Symbol am Portal einer Kirche gezeigt werden? Und warum greift „Sterne“ das streng tabuisierte Thema der bulgarischen Kollaboration mit den deutschen Besatzern auf? Angel Wagenstein ist von der Entscheidung entsetzt. Dann wird „Sterne“ zum Festival nach Cannes eingeladen, startet als bulgarische Produktion, da die BRD auf ihrem Alleinvertretungsanspruch beharrt. Er erhält den Spezialpreis der Jury, mehr als siebzig Länder kaufen den Film.

Angel Wagenstein ist maßgeblich am Umsturz in Bulgarien beteiligt

Angel Wagenstein arbeitet aber auch in der BRD mit Wolfgang Staudte zusammen, er dreht Dokumentarfilme für die ARD, zum Beispiel aus Nordvietnam, da ist das Land noch im Krieg.

Im November 1989 ist Angel Wagenstein maßgeblich an der Vorbereitung der großen Demonstration beteiligt, die den Umsturz in Bulgarien einleitet. Dieser geht mit dem Niedergang des bulgarischen Kinos einher, Wagenstein beginnt, Romane zu schreiben. In „Fern von Toledo“ erzählt er die Geschichte seiner Familie. Sein 2010 erschienener Roman „Leb wohl Schanghai“ liegt auf Deutsch vor, er erzählt von europäischen Juden, die vor den Nazis in das von den Japanern besetzte Schanghai zogen.

Das Kino Toni zeigt am 17. Oktober um 18 Uhr einen Dokumentarfilm über sein Leben „Angel Wagenstein: Art Is a Weapon“ (OmU) von der US-Regisseurin Andrea Simon. Eine Einführung und die Laudatio hält Paul Werner Wagner.