Astrid (Christiane Paul) und Paul (Ronald Zehrfeld) sind schon lange zusammen.
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BerlinEin Wochenende zu zweit in einem Luxushotel in Budapest, Menu vom Roomservice, Dinieren im Boxspringbett, eine schöne Frau, die nach langem Schweigen, das Wort „lecker“ hervorbringt. So beginnt keine Liebe, so beginnen Werbespots.

Doch es dauert nicht lang, bis der gut ausgeleuchtete Wohlfühl-Kokon der beiden Mittvierziger (Ronald Zehrfeld als Paul, Christiane Paul als Astrid) im hormonellen Aufruhr der ersten Monate durch eine Irritation zerplatzt. Die kommt nicht von innen, wie so oft in der fragilen Anfangszeit (eine hässliche Bewegung, ein falsches Parfum): Sie tritt in der Hotellobby in Gestalt der ersten Liebe der Frau in die Szenerie. Julius (Sebastian Hülk) war dreißig Jahre zuvor Astrids Freund. Aber war es wirklich Liebe oder auch nur eine Möglichkeit unter vielen, wie es einmal heißt?  

Trailer zu „Was gewesen wäre“.

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Die Männer gehen, wenn es anstrengend wird

„Was gewesen wäre“ ist ein Film, der um die Fragwürdigkeit der Liebe in Zeiten ihrer permanenten Revidierbarkeit weiß. Seit wirtschaftliche und gesellschaftliche Zwänge weitgehend wegfallen, ist das Paar nur noch um seiner selbst willen zusammen. Familie, naja.

Vier Kinder von drei Frauen, hier ein paar schöne Tage, da mal eine Nacht: Die Männer in diesem Film gehen, wenn es anstrengend wird, und das wird es fast immer. Auch Paul will weg, als er merkt, wie sehr Astrid die Zufallsbegegnung mit Julius verwirrt.

Spannung des Films kommt aus der Vergangenheit

Verletzte Seele unter massiger Beschützer-Physis: Darin ist Ronald Zehrfeld unübertrefflich. Doch auch der schmerzliche Zug um Astrids Mund erzählt von Desillusionierung, sie kann es kaum fassen, dass einer wie Paul „noch frei herumlief“, als sie ihn kennenlernte –  als Patient auf ihrem OP-Tisch. Das Herz, das blöde Herz. Man hat angesichts seiner attraktiven Korpulenz auch etwas Angst um ihn, die Spannung in diesem Film kommt jedoch aus der Vergangenheit.

Astrid (Christiane Paul) und Paul (Ronald Zehrfeld) verbringen ein Wochenende in Budapest, wo Astrid ihrer Jugendliebe Julius begegnet.
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Astrid und Julius wuchsen in der DDR auf, in leicht entfärbten Rückblenden werden Szenen ihrer Jugend eingeblendet, eine Party bei einer Sängerin mit Auftrittsverbot, der Ausschluss einer Freundin aus der FDJ, Tribunal vor versammelter Klasse.

Astrid verhält sich, indem sie sich nicht verhält, sie will studieren, noch dazu Medizin. Julius hat Kraft und Verbindungen, er flieht über Ungarn, ohne Astrid, die nicht zum vereinbarten Treffpunkt erschien.

Ein kleiner, gut begreiflicher Verrat beendete die Sommerliebe, der sie ohnehin nicht wirklich traute. Erst im Nachhinein entwickelt die stumm geschaltete Jugendliebe eine unerwartete Kraft.  

Mischung aus Skepsis und Sehnsucht gegenüber der Liebe

Der Produzent Florian Koerner von Gustorf (Schramm Film) legt mit diesem Film sein Debüt als Regisseur vor. Auf die Darsteller ist Verlass, sie treffen die generationstypische Mischung aus Skepsis und lauer Sehnsucht gegenüber der Liebe genau. Die Kamera von Reinhold Vorschneider lässt alles, aber auch alles schön aussehen.

Die Hilfskonstruktion der Rückblenden wirkt indes oft unbeholfen und erstaunt angesichts der sonst so wenig konventionellen Erzählweisen, denen Florian Koerner von Gustorf als Produzent bisher ins Kino verholfen hat (Christian Petzolds „Transit“ etwa). Allzu beiläufig, als Geplänkel bei Tisch, werden die gegenwärtigen politischen Verhältnisse in Ungarn eingestreut, der neu gebaute Zaun ist überwindbar, wenn man sich auskennt. Jedenfalls von einer Seite aus.

Über die Fragwürdigkeit der Liebe, der Film „Was gewesen wäre“.
Foto: Farbfilm
„Was gewesen wäre“

Regie: Florian Koerner von Gustorf
Buch: Gregor Sander nach seinem gleichnamigen Roman.
Darsteller: Christiane Paul, Ronald Zehrfeld, Sebastian Hülk u.a., 90 Minuten, Farbe.
FSK: ab 6 Jahre
Deutschland 2019.