Es kann schon sein, dass die guten zwei Stunden dieses Abends im Deutschen Theater doch eigentlich nur einen kurzen Moment meinen. Jenen Moment zwischen Leben und Tod, in dem ein Ertrinkender nicht mehr gegen die Übermacht der Wellen ankämpft, aber noch nicht leblos gen Meeresgrund sinkt, sondern eintaucht in die ruhige Unterwasserwelt als letzte Zuflucht. Vielleicht ereignet sich ja hier, wo die simplen oberwasserweltlichen Kraftgesetze nicht mehr gelten und in eine Vielzahl von Möglichkeiten auseinanderfließen, Wunderbares! Vielleicht ist dieser subterrestrische Zwischenraum deshalb tatsächlich jenes „Illyrien“, woran Shakespeare dachte, als er sein schiffbrüchiges Zwillingspaar Sebastian und Viola dort stranden ließ.

Elisabethanischer Frühling

Die wundersame Bühne von Barbara Ehnes jedenfalls, über die ein antiquiertes Tauchboot schwebt, als käme es direkt von Jules Verne, und von wo aus uns videokunstfertige Unterwasseraugen anblicken, ist ein solch traum-realer Fließort. Dieses Illyrien hat viel effektschöne Rätselhaftigkeit an sich, doch nichts märchenhaft Naives. Das ist schon mal ein großes Pfund dieser ernsten, fast depressiv gestimmten Inszenierung von Stefan Pucher. Gegeben wird die nicht sehr witzige Verwechslungskomödie „Was ihr wollt“. Puchers düsteres Spiel mit den Elementen, aus denen sich Mensch, Natur und Gesellschaft gegenseitig fabrizieren, eröffnet einen Shakespeare-Schwerpunkt im Deutschen Theater, der nach der „Globe“-Eröffnung in der Schaubühne nun schon der zweite der Stadt ist. Und so unerwartet dieser elisabethanische Frühling plötzlich auftaucht zwischen den beiden Shakespeare-Gedenkjahren 2014 (450. Geburtstag) und 2016 (400. Todestag), so unverbunden, bindungsgierig wirft auch Stefan Pucher seine Illyrier in diese ja tatsächlich zerfließende Welt.

Worum geht es in Shakespeares Illyrien? Jeder, egal, ob alteingesessen oder neuangespült, sucht hier sein Gegenstückchen Liebe. Oder was er irrigerweise dafür hält. Denn dass mehr Selbstsucht, Langeweile oder simple Triebhaftigkeit unter dem Begriff firmieren, daran lässt gleich der erste Auftritt des Herzogs Orsino keinen Zweifel. Zwar nennt er sich liebeskrank, weil die angebetete Gräfin Olivia ihm die kalte Schulter zeigt, doch so, wie Andreas Döhler im seidenen Morgenmantel durch seine psychedelischen Projektionen (Video: Chris Kondek) stolpert und junkiehaft mit den Armen zuckt, scheint doch eher Koks-Entzug sein Problem.

Der Narr und der Nichtnarr

Nein, Liebe sucht hier niemand, weder der Herzog noch seine Angebetete, die in Susanne Wolff als postmodern verkleidete Virgin-Queen eine herrisch selbstgefällige Derbheit abbekommt. Noch weniger deren prollig sadistische Hofschranzen Toby (Christopher Franzen), Andrew (Bernd Moss) und Marie (Anita Vulesica), die im aggressiven Dauerrausch so etwas wie Ganzjahres-Ballermänner abgeben. Sie alle stecken in falschen Leben: die luxusblinden Herrschaften, weil sie keinen Blick mehr haben, für die Echtheit von irgendwas. Und die plumpen Schranzen, weil Wünsche für sie per se nur noch Punktspiele sind. Am falschesten steckt die ehrlichste von allen fest: Viola. Als Diener verkleidet, liebt sie den Herzog, aber wird von der Gräfin begehrt. So schlingert die knabenhafte Katharina Marie Schubert auch am ratlosesten durch die Melange aus Ober-und Unterwelt.

Nicht aber das homoerotische Wechselspiel mit angeblichen Naturen und Identitäten ist das Prickelnde an diesem Abend – auch wenn Pucher Shakespeares Modernität noch ein Stück weiter dreht und am Ende jegliche Identitäten aufhebt: Als Multisexes stehen dann alle nebeneinander und teilen sich den Text. Vielmehr scheint Pucher diesen Abend nur für zwei Figuren wirklich gemacht zu haben: den geckenhaften Puristen Malvolio, den Wolfgang Koch zelebriert wie einen Hobbygaukler, und den todernsten Berufsnarren Feste, der in Margit Bendokat mit Blechtrommel um den Hals zum eigentlichen Puristen wird. Koch karikiert den „Erfinde-dich-Neu!“-Aufsteiger mit herrlichem Versagen und Bendokat trommelt gegen die dreiste Wahrheitsgier aller Falschsprecher mit demonstrativer Leblosigkeit. Genau hier, in diesen überschwappenden (Koch) und unterkühlten (Bendokat) Szenen wird die Komödie zum bitterbösen Gegenwartskommentar. Und der Abend wirft Anker.

Deutsches Theater, wieder 6. 3., 20 Uhr Tel.: 28441225