Zeig mir deinen Plattenschrank und ich sage dir, wer du bist ...
Foto: Imago Images

BerlinJoan Baez, Donovan und die Byrds stehen im Regen an der Hauswand – in einem Stapel Schallplatten, offenbar aussortiert bei einem Umzug. Alle finden erstmal Unterschlupf neben meinem Plattenspieler, eine kunterbunte Mischung aus Rock, Pop, Schlager und Klassik. Manches ist wirklich Schrott, wie das „Potpourri der guten Laune“, 30 Stimmungslieder von Heidewitzka bis Humbta-Tätärä, eine Stereo-Werbeplatte oder Alben, auf denen anonyme Interpreten 70er-Jahre-Hits nachsingen.

Doch insgesamt bietet diese Wundertüte einen tiefen Einblick in die Vorlieben einer Familie oder eines Paares – so wie heute Facebook und Co aus Likes und Klicks ihre Schlüsse ziehen. So müssen die Vorbesitzer offen und weltläufig gewesen sein: Sie hörten Djolé-Trommeln aus Sierra Leone von Fodé Youla genauso wie slowenische Blasmusik, mitgebracht vom Urlaub im Burgenland, wie eine Kugelschreiber-Aufschrift verrät. Ebenso Songs aus Jugoslawien – hier haben die Hörer neben jedes Lied auf dem Cover die genaue Herkunft aus Serbien, Bosnien oder Mazedonien eingetragen.

Abgespielt und im Backofen weiter benutzt

Politisch einzuordnen sind sie eher links, wie eine in Uruguay gepresste Platte der Folkbardin Norma Helena Gadea aus Nicaragua, die Hits von Mikis Theodorakis und die von Vangelis arrangierten „Odes“ von Irene Papas verraten. In besinnlicheren Stunden legten sie die „Silk Road Suite“ von Kitaro oder eine indisch angehauchte „Inkarnations“-Platte auf – der Geruch der Cover erinnert an Räucherstäbchen. Eine echte Entdeckung für mich sind die Alben einer Lene Lovich, die so scharf klingen, als wäre Nina Hagen einst bei den Talking Heads eingestiegen.

Die Vielfalt ist jedenfalls weit größer als auf jeder personalisierten Spotify-Liste. Das in Vinyl gepresste Nebeneinander lässt jede einzelne Scheibe wertvoller wirken, oft offenbaren sich interessante Verbindungen. So hören sich die Scorpions und Genesis, später in unterschiedlichen musikalischen Welten zu Hause, Anfang der 70er-Jahre mit ihrem ambitionierten Artrock noch recht ähnlich an. Manche Platte ist freilich so abgespielt, dass sie nicht zu gebrauchen ist – die Byrds-Platte steigt bei jeder Plattendrehung hoch und runter. Doch selbst das aussortierte Drittel des Stapels darf noch nicht in die Tonne. Der bastelfreudige Sohn will die Vinylscheiben im Backofen umformen – Youtube liefert die Anleitungen dafür.