Glück ist vielleicht immer und überall und muss nur erkannt werden.
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Berlin„Bringt Glück!“ tröstete der Fahrradfahrer neben mir, als ich an der Ampel neulich mit einem Taschentuch missmutig in meinen Haaren herumtupfte. Dass es Menschen gibt, die einen Vogelschiss ernsthaft für einen Glücksboten halten (oder wenigstens so tun), hätte ich nicht gedacht. Vielleicht meinte der Mann ja sein eigenes Glück, weil es nicht ihn erwischt hatte. Oder ist das mit der Glücksannahme doch nicht so abwegig, weil Glück auch die Abwesenheit von Unglück bedeuten kann und man mit dem Flatsch von oben seine Ekelpackung statistisch gesehen zumindest für diesen Tag weg hat? 

Wer weiß das schon! Aber seltsam ist es doch, dass der sogenannte Volksmund ausgerechnet an das Unangenehmste die größten Hoffnungen zu knüpfen versucht. Eine gute Imagekampagne ist eben alles, wie die Sprüche über die Scherben und den schwarz-schmierigen Handschlag des Schornsteinfegers zusätzlich belegen. „Schön ist hässlich, hässlich schön“, rufen die Hexen in Shakespeares „Macbeth“. Wozu mir auch die Reitlehrerin einfällt, die den Kindern ein zuweilen hinterlistig ausschlagendes Pony so lange als herzensguten Schmusebär anpries, bis sich das Tier irgendwann der Vertrauensoffensive ergab und das Treten tatsächlich einstellte.

Glück also. Glück, heißt es unter anderem, sei nicht, alles zu haben, was man wolle, sondern zu wollen, was man habe. Demnach wäre Glück trotz aller Sterntalerpropaganda, dass es vom Himmel fällt (weht beim Vogelschiss daher womöglich am Ende der Wind?), etwas also, für das man sich bewusst entscheiden kann. Wobei es gerade bei diesem Thema oft so ist, dass sich ein anderer entschieden hat, und man selber stolpert einfach hinterher. Beim Traum von der Südseeinsel etwa: Palmenstrand, Hängematte und so weiter. Schon mal dagewesen? Sonnenbrand, Seeschlangen und Wirbelstürme! Manche Menschen brauchen Jahrzehnte, um sich einzugestehen, dass sie auch im Urlaub eher der Pullovertyp sind. Und dieses Jahr muss es sowieso zu Hause am schönsten sein. Aber das nur nebenbei.

Glück ist vielleicht immer und überall und muss nur erkannt werden. Jemand hat Ihre Autoreifen zerstochen? Seien Sie froh, dass der Wagen nicht angezündet wurde! Sie erschrecken, weil Ihnen aus dem Spiegel ein immer fremderes Gesicht entgegenblickt? Denken Sie daran, dass Altwerden eine Gnade ist! Gedanklich vom Schlimmen zum Schlimmeren zu hopsen, das einem (zumindest bisher) erspart blieb, ist in der Tat kein Hexenwerk und hilft merklich, den Status quo besser zu ertragen. Aber ist das schon Glück? Es muss ja nicht die ganz große Euphorie sein; ein schöner ruhiger Flow, in dem man, wie die Ratgeber-Literatur verspricht, ganz bei sich selbst ist, täte es wohl ebenso.  

In beiden Fällen, scheint mir, erkennt man das Glück am ehesten mit Abstand. Wenn sein goldener Schleier schon wieder verweht. Stellen Sie sich vor: der Lottogewinn! Erst würde er Ihnen irreal vorkommen, dann wären Sie überfordert. Immer ist man zu verwirrt und besorgt, um an das Glück in dem Moment, in dem es einen ereilt, auch zu glauben. Ebenso im Flow der täglichen Routinen, den Sie womöglich für Langeweile halten, der im Rückblick, nach der Kündigung oder dem Ende der Beziehung aber eine Wolke war, auf der Sie trieben. Ja, das Glück ist stets vor oder hinter uns. Es ist der Schatten, den das Leben von uns wirft.