Das Haus der Kulturen der Welt (HKW) vergibt den „Internationalen Literaturpreis“ zusammen mit der Stiftung Elementarteilchen.
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BerlinDie ganze Welt ist im Ausnahmezustand, da braucht es Institutionen, die alle Länder und Kontinente im Auge haben. Genau das leistet das Haus der Kulturen der Welt (HKW) seit vielen Jahren und vergibt zusammen mit der Stiftung Elementarteilchen den dazu passenden „Internationalen Literaturpreis“. Am Donnerstag zum zwölften Mal vergeben, ehrt er nicht nur ein Stück fremdsprachige Gegenwartsliteratur und seinen Autoren oder seine Autorin, sondern auch die Person, die den Text erstmals ins Deutsche übersetzt. Der Preis feiert die internationale Verständigung via Literatur. Bernd Scherer, Intendant des HKW, sagt es so: „Zu einer Zeit, in der auf globale Unübersichtlichkeit nicht selten mit einem Rückzug auf nationale Egoismen und Narrative des Ausschlusses reagiert wird, erscheint es wichtiger denn je, die vermittelnde Kraft internationaler Gegenwartsliteratur und ihrer Übersetzung ins Zentrum zu rücken.“

Wegen der aktuellen Pandemie-Regeln fand die Bekanntgabe der Gewinner nicht abends auf der wunderschönen Dachterrasse des HKW, sondern morgens live im Radio statt. Wie schon beim Preis der Leipziger Buchmesse, stellte Deutschlandfunk Kultur seine Sendung „Lesart“ als würdigen Rahmen zur Verfügung. Statt Cocktails mit Blick über Berlin und großer Bühne gab es ein Glas Wasser im Studio. „On Air statt Open Air“, so die prägnante Ankündigung des HKW-Teams.

Das war nicht nur wegen des ungewohnten Formats interessant, sondern auch wegen der Herausforderung, alle Ausgezeichneten in einer Stunde Sendezeit unterzubringen. Denn diesmal wurde nicht ein Buch beziehungsweise Tandem aus Schriftsteller/in und Übersetzer/in geehrt, sondern die ganze bis dahin unbekannte Shortlist mit sechs Titeln von vier Kontinenten (Afrika, Asien, Osteuropa und Nordamerika). Auch diese Entscheidung trägt der momentanen, für Kreative besonders schwierigen, Situation Rechnung. Es sollten möglichst viele von dem Preisgeld profitieren, die 36.000 Euro wurden auf zwölf Personen verteilt.

Die drängelten sich natürlich nicht alle im Studio, stattdessen kamen HKW-Intendant Bernd Scherer sowie Robin Detje und Heike Geißler aus der Jury im Radiogespräch mit Moderatorin Andrea Gerk zu Wort. Detje und Geißler stellten nacheinander die sechs Siegertitel vor, eine Liste mit sehr unterschiedlichen aber auch in einem ähnlichen Büchern: Sie alle widmen sich Ausgrenzung, Konflikten, Krisen, ja Kriegen, bieten aber dennoch „Lesegenuss“, wie Jurorin Heike Geißer betonte: „Es ist ein Mix vielfältiger Gesprächsangebote“, und zwar solcher, die lehren, über Mitteleuropas Tellerrand zu schauen.

James Noëls von Rike Bolte übersetzter Roman „Was für ein Wunder“ entführt uns nach Port-au-Prince, wo 2010 ein Erdbeben bis zu 500.000 Todesopfer forderte. In Worten, die Robin Detje ihrerseits mit einem Erdbeben verglich, beklagt er nicht nur die Naturgewalt, sondern auch die politischen und ökonomischen Katastrophen danach. Chigozie Obioma erzählt in „Das Weinen der Vögel“ eine Liebesgeschichte zwischen Moderne und Tradition Nigerias, Nicolai von Schweder-Schreiner überführte die Worte des Erzählers, „eines weisen und sehr einnehmenden Schutzgeistes“, wie Heike Geißler findet, ins Deutsche. Amir Hassan Cheheltans Roman „Der Zirkel der Literaturliebhaber“, den Jutta Himmelreich aus dem Farsi übersetzte, ist ein Roman über die Islamische Revolution im Iran und eine Liebeserklärung an die Literatur des Landes. Yevgenia Belorusets’ „Glückliche Fälle“ erinnert mit Fotos und Texten aus der Ostukraine daran, dass gar nicht so weit von Berlin ein bewaffneter Konflikt ausgetragen wird. Ihre von Claudia Dathe übersetzen Texte zeigen „das Grundrauschen des Krieges“ im Alltag ganz normaler Frauen.

Angel Igovs Roman „Die Sanftmütigen“ widmet sich den bis heute verdrängten Volksgerichten im Bulgarien der Jahre 1944/45, hier erzählt ein ganzer Chor von Straßenjungen. Die Herausforderung diese Vielstimmigkeit zu übersetzen, schildert Andreas Tretner in einem kurzen O-Ton. Um queere Subkultur, die Radikalität geschlechtlicher Vielfalt und die politische Energie des Sprachspiels geht es schließlich in Isabel Waidners Roman „Geile Deko“. Ihre kreative Verve und ihr „champagnerartiger Humor“ (Detje) wurde von Ann Cotten in angemessener Weise aus dem Englischen ins Deutsche überführt: Schon auf der ersten Seite begegnet uns etwa ein von rosa Blitzen umzuckter Pegasus.

Dieses eigensinnige Fabeltier und Sinnbild der Poesie passt zu allen Texten, denn alle erzählen von Krisen, Ausgrenzung und Gewalt, aber alle tun es in einer Sprache, die sich nicht auf reines Berichten oder sonstigen Realismus zusammenkürzen lässt. Als sei das Beharren auf Vieldeutigkeit, Intensität, Schönheit oder einfach Kunst ihrerseits eine weltverändernde Qualität. Alle zeigen wie Robin Detje es zusammenfasst, „was Sprache kann“. Wie sie es tun, wurde in einer angenehm entspannten, konzentrierten Sendung besprochen, hervorgehoben, gelobt. Natürlich war das etwas ganz anderes als ein Dachterrassenfest, keine Frage, aber das Gute daran: Alle können die Sendung nachhören und den ganz persönlichen Lieblingstitel finden – oder aber alle Romane mitfeiern und lesen. Jeder einzelne hat es verdient.