Ausstellung: Wie Neukölln wurde, was es heute ist

Ein Ausflug zum Schloss Britz in Berlin-Neukölln lohnt sich immer. Allein des riesigen Parks wegen. Und dann die Anlage: Das Schloss, das eigentlich ein Gutshof ist, der kleine See, der Dorfanger. Es ist, als sei man gar nicht mehr in der großen Stadt. Neukölln gehört ja auch nicht immer schon zu Groß-Berlin. Erst 1920 wurde es eingemeindet. Wie sich der Bezirk seitdem entwickelt hat, zeigt eine Ausstellung im Museum Neukölln, das sich auf dem Gelände befindet. Anhand von acht Schauplätzen wird die städtebauliche Entwicklung im Großstadtbezirk Neukölln in der Ausstellung visualisiert. Besucher können hier Fotos mit historischen selbst zusammenbauen können – wie in einem riesigen Puzzle. Da achtet man auf Details, bemerkt Veränderungen, die sich im Lauf der Zeit ergeben haben. Zudem kann man sich über die Entwicklung und Vernetzung von Verkehrswegen informieren, von Straßen und Plätzen, Wohnsiedlungen, Grünflächen. Eine Fotoserie von Gundula Friese zeigt das heutige Neukölln. Und Leon Kopplow hat Passagiere der U8 porträtiert. Die Ausstellung „Großstadt Neukölln 1920-2020“ ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Susanne Lenz

KOW
Schablonenfiguren:  Installation Anna Boghiguians in der Galerie KOW

Kunst: Verschwundene Arbeitswelten

Anna Boghiguian, 1946 in Kairo als Kind armenischer Eltern geboren, galt in der Kunstszene lange Zeit als Geheimtipp. Spätestens seit der Documenta 13 ist sie ein Begriff. Im Zentrum ihrer Arbeiten in der Berliner Galerie KOW steht das vielfach nomadische Dasein der Künstlerinnen und Künstler. Auch Anna Boghiguian findet rund um den Globus ihre Themen. Das prägt ihr Künstlerbücher, ihre Malerei und Installationen. Zwei raumgreifende Exemplare   sind jetzt in der Galerie zu sehen. Darin hat sie Handel und Wandel, die globalen Warenströme des kapitalistischen Weltmarktes verwebt mit der Macht der Regime und Regierungen  und der Historie, mit schriftlichen Quellen. Die eine Installation behandelt die industrielle Geschichte und Kultur Cornwalls im englischen Südwesten - eine Geschichte des Abstiegs des Zinnbergbaus, 1998 schloss die letzte Mine. Aus Stahlblech ausgeschnittene Figuren sind verzinnt, ein Verfahren der Fertigung von Konservendosen für Sardinen. Traditionen der Arbeits- und Lebenswelt Cornwalls tauchen in den Figuren und Zeichnungen auf - Zeugen einer verschwundenen Welt. Eine weitere Installation erzählt von der Seidenstraße, die auch Japan und Ägypten verband, neben dem Handel auch durch geistige, kulturelle Strömungen. Auf Karten stellt Boghiguian die Kehrseiten des wirtschaftlichen Aufschwung Japans im 19. und 20. Jahrhundert dar, anhand der sklavisch schuftenden Frauen und Mädchen an den Webstühlen des Unternehmers Toyoda Sakichi, seines Zeichens Begründer der Automarke Toyota. Ingeborg Ruthe

KOW, Lindenstr. 35, bis 25. Juni, Di-Sa 12-18 Uhr. Im Showroom treffen  Boghiguians Zeichnungen auf wirtschafts- und machtkritische Arbeiten von Alice Creischer


Galerie Max Hetzler
Blick in die untere Ausstellungshalle der Galerie Hetzler an der Potsdamer Straße mit Günther Förgs Bildern.

Gebilde wie Architekturen und Fenster

Er war einer der großen „Abstrakten“ der alten Bundesrepublik: Günther Förg, 1952 geboren in Füssen, viel zu früh gestorben 2013 in Freiburg. Zuvor lebte er lange Zeit in der Schweiz, gelehrt hat er an den Kunstakademien Karlsruhe und München. Was die Galerie Max Hetzler gerade an ihrem dritten Berliner Standort, in einer ehemaligen Druckereihalle in den Mercatorhöfen unter dem Titel „Exposition Collective 1974-2007“, ausbreitet, sind Gemälde, Fotografien und im oberen Hallenteil auch Skulpturen aus Bronze und als Steinguss, meist vor farbigem Hintergrund. Und wir sehen: Förgs Abstraktionen haben so gar nichts von einem dogmatischen Auftreten gegen das Gegenständliche, Figürliche, wie wir das aus den ideologischen Grabenkämpfen der Nachkriegsmoderne in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kennen. Was Förg kraftvoll und sinnlich zu Bildwerken machte, sieht die Abstraktion unter fein formalen Aspekten. Diese mitunter Architekturen, Fenstern oder aber Gestalt-Fragmenten gleichenden Gebilde kommen von der Anschauung, vom tiefen Erleben, nicht aus der Konstruktion. Impulse kamen vor allem von Architekturen der Moderne, vor allem dem italienischen Rationalismus. Ingeborg Ruthe

Galerie Hetzler, Mercatorhöfe, Potsdamer Str.77-87, bis 6. August, Di-Sa 11-18 Uhr


Kunst: „Hemispheres“ bei Esther Schipper

Der Titel der Ausstellung „Hemispheres“ von David Claerbout bezieht sich auf zwei Gehirnhälften, die Informationen zwar unterschiedlich verarbeiten, sich dann aber ergänzen, um Bewusstsein zu schaffen. Entsprechend haben die in der Ausstellung gezeigten Werke unterschiedliche Themen, stehen aber für wechselseitige Teile der Praxis des Künstlers. „The Close“ zeigt eine Rekonstruktion von Amateuraufnahmen, die um 1920 entstanden, und eine digitale 3D-Wiedergabe dieser Aufnahmen. Die Szene zeigt barfüßige Kinder zwischen eiligen Passanten in einer gemauerten Einbahnstraße.

Als sich der Film auf ein kleines Kind konzentriert, das ein merkwürdiges Lächeln in die Kamera wirft, friert der Apparat förmlich ein – für eine unangenehm lange Zeit. The Close reflektiert, was Claerbout „dunkle Optik“ nennt: eine tiefgreifende, wenn auch chaotische Neukalibrierung der gängigen Vorstellungen von Bild, Information und Sprache.

Die in „Aircraft (F.A.L.)“ dargestellte Hangarszene dagegen ist eine hybride Darstellung eines Flugzeugs. Ähnlich wie beim Betrachten von The Close spielt David Claerbout auch hier mit Erwartungen der Betrachterin. Das Vertrauen in das, was wir zu sehen glauben, wird regelrecht erschüttert. Claerbouts Praxis dreht sich um Zeitlichkeit und Dauer sowie um die Erfahrung verlängerter Zeit und Erinnerung. Hanno Hauenstein

David Claerbout, „Hemispheres“, in der Galerie Esther Schipper, Potsdamer Str. 81e, 3. Stock. Noch bis 04. Juni zu sehen, Di.-Sa., 10-18 Uhr


Kino: Xposed Queer Film Festival

Vor sechzehn Jahren als queere, experimentelle Kurzfilmnacht ins Leben gerufen, hat sich das Xposed queer Filmfestival mittlerweile mit einem beachtlichen Programm aus langen und kurzen Formaten, die an drei Spielorten gezeigt werden, zu einer festen Größe im Berliner Filmfestival-Kalender entwickelt.

Je diverser der Mainstream wird, desto freier will hier kuratiert werden, lineare Coming-Out-Erzählungen oder typische Boy-meets-Boy- oder Girl-meets-Girl-Geschichten sucht man bei Xposed vergeblich. So vielfältig wie die Themen, sind teilweise auch die filmischen Formen: Im Experimentalfilm „Miguel's War“ erzählt die Regisseurin Eliane Raheb mit Interviews, Inszenierungen und Performances von einem schwulen Veteranen, der aus dem Libanon nach Spanien auswandert.

© ITAR productions
Der Protagonist Miguel Jleilaty in „Miguel's War“.

Neben aktuellen Produktionen werden auch Klassiker der queeren Filmgeschichte gezeigt: in diesem Jahr zum Beispiel der Dokumentarfilm Shinjuku Boys, der drei Transmänner begleitet, die in den 90er Jahren als Hosts in einem japanischen Nachtclub arbeiten, der vor allem von heterosexuellen Frauen besucht wird, die schlechte Erfahrungen mit Cis-Männern gemacht haben. Claudia Reinhard

16. Xposed Queer Film Festival, 26.-29. Mai im Wolf Kino, Il Kino und Moviemento


Theater: Berlau – Königreich der Geister

Da hat die Berliner Zeitung offenbar etwas verpasst. Aber Sie können es nachholen. Die Mund-zu-Mund-Propaganda läuft, natürlich auch auf den sozialen Medien. Zum Beispiel der kanadische Theaterhistoriker Holger Syme ist ganz aus dem Häuschen: „Königreich der Geister am @blnensemble ist unfassbar intensives Theater. Dass es noch Karten gibt ist genauso ungeheuerlich wie die Tatsache, dass der Abend nicht überall besprochen und gefeiert wird.“

Matthias Horn
Susanne Wolff in „Berlau – Königreich der Geister“ im Berliner Ensemble

Es geht um Ruth Berlau, deren intensives Künstlerinnenleben 1974 in einem brennenden Krankenhausbett in der Charité endete und nun Gegenstand einer hybriden VR-Installation mit Live-Schauspiel der deutsch-schweizerischen Kollektivs Raum+Zeit ist. Karten sind allerdings schon wieder knapp, gespielt wird am Freitag und Sonntag jeweils um 17.36 Uhr, für Sonntag waren bei Redaktionsschluss noch ein paar Plätze online erhältlich, ansonsten darf man auf Restkarten an der Abendkasse hoffen. Ich würde mich mal kümmern... Ulrich Seidler

Berlau - Königreich der Geister 27. und 29. Mai, 17.36 Uhr im Berliner Ensemble