Theater: Julien Gosselin debütiert mit „Sturm und Drang“ in Deutschland

Der französische Regisseur Julien Gosselin arbeitet zum ersten Mal in Deutschland und haut gleich gut auf den Putz, indem er die deutsche Literaturgeschichte in mehreren Inszenierungen aufrollen will – und dies in der sperrigen Volksbühne, wo die Intendanz von René Pollesch am Ende der ersten Spielzeit noch immer nicht richtig Tritt gefasst hat. Am Freitag geht es nach mehrwöchiger Corona-Verzögerung mit „Sturm und Drang“ los.

DAVIDS/Darmer
Martin Wuttke, hier als Faust in der Acht-Stunden-Inszenierung von Frank Castorf, kommt nun als Goethe wieder.

Inspirationsquelle ist Thomas Manns Roman „Lotte in Weimar“: Charlotte Sophie Henriette Buff, das historische Vorbild für die angehimmelte Lotte aus Goethes „Werther“ will in ihren späten Jahren noch einmal mit dem Mann in Kontakt treten, dem sie ihren unfreiwilligen Ruhm zu verdanken hat, und mietet sich im Elefanten in Weimar ein. Martin Wuttke spielt den alternden Goethe und wird damit sicher das eine oder andere Echo der Erinnerung an seine Titelpartie in Frank Castorfs Acht-Stunden-Faust von 2017 wachrufen. Wuttke erzählte dem Radio, dass ihm Goethe fern und ziemlich unangenehm sei, und er sprach vom typisch deutschen intellektuellen Hochmut. Wir hoffen, dass ihm das auf der Bühne Gelegenheit gibt, schön oft auszurutschen und gekonnt hinzuschlagen. Ulrich Seidler

Sturm und Drang. Geschichte der deutschen Literatur I, 3., 4.6., jeweils 19.30 Uhr in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Karten unter Tel.: 24 065 777 oder: volksbuehne.berlin


Kunst: Die Vögel von Tegel

Der Otto-Lilienthal-Flughafen in Berlin-Tegel ist Geschichte. Und auch Legende wie zuvor schon der historische Flughafen Tempelhof. Nur wenige Tage bevor im November 2020 die letzte Passagiermaschine auf TXL landete und das Areal für den Flugverkehr gesperrt wurde, konnte der Fotokünstler Daniel Poller die Krähen, Tauben, Stare und Kraniche fotografieren, die bald die Start- und Landebahnen für immer übernehmen würden. Die Vögel umkreisen den Tower, ruhen sich auf Flugzeugflügeln aus oder fliegen in Scharen über den Rollweg. Sie besetzen das Gebäude, stellen ihre Flugkünste als neue Herren des Platzes zur Schau, im Frühling bauten sie Nester und brüteten.

VG BIldkunst Bonn 2022/Daniel Poller/Galerie Poll
„Birds of Tegel“, Fotografie von Daniel Poller.

Das Ergebnis ist die Serie „Birds of Tegel“, jetzt zu sehen in der Galerie Poll in Mitte und gedruckt im Buch des Kunsthistorikers Andreas Prinzing samt einem nummerierten Fotodruck. All die Motive der Serie des 1984 im vogtländischen Rodewisch geborenen Daniel Poller erinnern an die Pionierzeiten der Luftfahrt: Es waren Vogelflügel mit ihren Federn, die Lilienthal zu seinen frühen Versuchen mit Segelflugzeugen inspirierten. Der Fotograf interpretiert die technische TXL-Architektur im urbanen Raum neu durch die Besiedelung durch die Tierwelt. Lesbarkeit, Umschreibung der Funktion und Geschichte sind sein zentrales Thema. Ingeborg Ruthe

Galerie Poll, Gipsstr. 3/Hof, bis 11. Juni, Di.–Sa. 12–18 Uhr


Kunstraum Kraut: Eine große Leerstelle

In der zum Stadtmuseum gehörenden Nikolaikirche ist links nach dem Eingang die barocke Kapelle der Stifterfamilie Kraut. Hier befand sich einst ein großes Wandbild, die „Auferstehung“ des gekreuzigten Christus eines unbekannten Malers von 1724. Seit Kriegsende 1945 ist das Werk verschollen. Schon sechs in Berlin lebende Malerinnen und Maler haben seit Sommer 2021 im Wechsel ihre jeweils stilistisch völlig unterschiedliche und nicht unbedingt religiös geprägte Variante zum Auferstehungsthema in den riesigen Sandsteinrahmen eingepasst. Stadtmuseumskurator Albrecht Henkys gewann sie alle für das Langzeitprojekt. Christa Jeitner, Jahrgang 1935, eine abstrakt und minimalistisch arbeitende Künstlerin, übernahm die siebte Variation.

VG Bildkunst Bonn 2022/Christa Jeitner/ Foto:Albrecht Henkys
Statt eines neuen Wandbildes für das Verschollene nur ein Vorhang: Christa Jeitners Kunst-Thema ist der Verlust.

Der Aggressionskrieg Putins im Bruderland Ukraine, all die bekannt gewordenen Verbrechen und Gräueltaten seit 100 Tagen veranlassten Jeitner, die umrahmte Wand in der Kapelle nackt zu lassen, auf bildlich Erzählendes zu verzichten. Nur einen groben Leinenvorhang hat sie angebracht, darauf ein Foto vom verschollenen historischen Gemälde, und darunter liegt in einem Häufchen Schutt eine verbrannte Gestalt, ganz ähnlich den Opfern des Massakers der russischen Armee im ukrainischen Butscha. Das Bild der Hoffnung bleibt zerstört. Ein Schmerzenssignal. „Ich sehe mich zu keiner Form von Wiederholung des verlorenen Auferstehungsgemäldes veranlasst, auch nicht als zeitgenössische oder abstrahierende Interpretation. Mein Thema ist der Verlust“, so die Künstlerin. Ingeborg Ruthe

Kraut-Kapelle Nikolaikirche, Nikolaiviertel, Di.–So. 10–18 Uhr, Eintritt frei. Das Projekt wird im Juli fortgesetzt.


Open-Air-Konzert: „Babylon Europa“

Am Sonnabend lädt das europäische Kulturfestival „Babylon Europa“ zu einer musikalischen Reise durch zahlreiche Länder ein. Im Britzer Garten gibt es ab 14 Uhr unter anderem Elektronik-Jazz aus Bulgarien, Swing aus Slowenien, Balkan-Jazz aus Budapest und Volksmusik aus Finnland zu hören. Darüber hinaus wird es eine Tanzperformance aus Österreich geben. Zunächst treten das Vasko-Atanosovski-Trio (Slowenien), … e la luna? (Italien), Hét Hat Club (Ungarn) und Co. einzeln auf, bevor um 18 Uhr der Höhepunkt des Festes mit einer gemeinsamen Session aller Künstler geplant ist. Insgesamt zwölf Acts wollen den „Facettenreichtum der europäischen Kulturgemeinschaft“ auf die Bühne bringen. Die einzelnen Events verteilen sich auf das gesamte Gelände des Britzer Gartens, die gemeinsame Abschlussshow findet auf der Freilichtbühne statt. Das Ticket ist in den regulären Eintrittspreis des Britzer Gartens von drei Euro inbegriffen. Friedrich Conradi


Kino: Charlie Chaplins „The Kid“ mit Orchester

Kein Herz hat, wen nicht rührt, wie dieser kleine Süßfratz in Cord und löchriger Wolle lautlos fleht. Er will nicht ins Waisenhaus, er will bei dem Landstreicher bleiben, der ihm ein Vater war, seit dieser ihn vor fünf Jahren als Baby neben einer Mülltonne fand. Der Junge schreit und schlägt, wird geschnappt und grob auf eine Ladefläche geschubst. Auch der Ziehvater tobt, stolpert über die Dächer der Stadt, immer das fahrende Auto im Blick, das seinen Schützling abtransportiert.

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Charlie Chaplin mit Jackie Coogan, der durch „The Kid“ zum Kinderstar wurde.

Er wird nicht aufgeben, bis der große und der kleine Tramp die Beamten mit erhobener Faust von dannen jagen. Charlie Chaplins erster Langfilm, inspiriert durch seine Jugend mit psychisch kranker Mutter in ärmlichen Verhältnissen, war zu seiner Zeit als Mischung aus Sozialdrama und Komödie revolutionär. Auch heute, 101 Jahre später, ist der Film noch immer eine hochemotionale Seherfahrung, ohne dass man dabei je „für die damalige Zeit“ mitdenken müsste. Im Kino Babylon wird der Film am Sonntag mit 30-köpfigem Orchester aufgeführt, die Musik hat Chaplin wie bei all seinen Filmen selbst komponiert. Claudia Reinhard

„The Kid“ mit Orchester + „The Immigrant“ (Kurzfilm), Kino Babylon, 5. Juni, 18 Uhr

Kino: Es gibt wieder eine Art Sommer-Berlinale

Vom 15. bis 29. Juni präsentiert die Berlinale Festival-Highlights in fünf Berliner Freiluftkinos. Zu einigen Vorführungen kommen sogar Filmteam-Gäste. Der Ticketverkauf startet am 3. Juni über die jeweiligen Kinos: Freiluftkino Hasenheide (www.freiluftkino-hasenheide.de), Freiluftkino Friedrichshain (www.freiluftkino-friedrichshain.de), Freiluftkino Rehberge (www.freiluftkino-rehberge.de), Arte-Sommerkino Schloss Charlottenburg (www.sommerkino.berlin/schloss-charlottenburg) und Freiluftkino Friedrichshagen (www.kino-union.de).

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Auch das Freiluftkino Friedrichshain zeigt im Juni Berlinale-Filme.

Den Auftakt bildet am 15. Juni im Freiluftkino Friedrichshain der Gewinner des Goldenen Bären, „Alcarràs“ von Carla Simón. Das international gefeierte Familiendrama hat sich bei seinem spanischen Kinostart Anfang Mai bereits als Publikumshit entpuppt. Susanne Lenz