Autorentheatertage: Frank Castorfs Comeback

Als Frank Castorf noch Volksbühnen-Intendant war, hat er das Deutsche Theater gern als Konditorei bezeichnet. Und sie ist ja auch hübsch und klein. Im Gegensatz zu dem 800-Plätze-Koloss am Rosa-Luxemburg-Platz, wo schon aus akustischen Gründen ein Entäußerungszwang besteht, ist die kleine Bühne im Hinterhaus in der Schumannstraße (das Vorderhaus wurde weggebombt) für das sauber abgestufte Spiel und die fein differenzierte Textarbeit geeignet.

Matthias Horn
Marie-Luise Stockinger mit einem Schwein in „Lärm. Blindes Sehen. Blinde Sehen!“, inszeniert von Frank Castorf

Guter Ort für Aufführungen von neuen Stücken, die die Autorentheatertage alljährlich zum Ausklang der Theaterspielzeit bieten. Die Dramaturgie des Hauses hat Gastspiele aus der ganzen deutschsprachigen Theaterrepublik eingeladen und wird zur Langen Nacht drei Uraufführungen präsentieren. Gezeigt wird an diesem Wochenende unter anderem ein Gastspiel vom Wiener Burgtheater, Elfriede Jelineks „Lärm. Blindes Sehen. Blinde Sehen!“ Ein sicher kurzweiliger Dreieinhalbstünder, inszeniert von Frank Castorf, dessen letzte Arbeit an diesem Hause während der Intendanz des im Februar gestorbenen Schauspielers Dieter Mann zu sehen war. Vor über dreißig Jahren. Gegenwartstheater mit viel Theatergeschichte sozusagen. Ulrich Seidler

Lärm. Blindes Sehen. Blinde Sehen!, Sa. und So., 11. und 12. Juni, jeweils 19 Uhr im Deutschen Theater. Präsentiert bei den Autorentheatertagen, noch bis zum 18. Juni. Karten und Informationen unter Tel.: 030 28441115 oder www.deutschestheater.de

Dekoloniale Geschichte auf der Berlin Biennale

Deutschlands Kolonialvergangenheit ist – wenngleich nicht immer gleich sichtbar – allgegenwärtig. Dies ist die Grundthese des Projekts Dekoloniale Erinnerungskultur. Es geht darum, eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte des Kolonialismus und seinen Folgen ins Rollen zu bringen. Das Modellprojekt geht auf eine Initiative des zivilgesellschaftlichen Bündnisses Decolonize Berlin e.V. und der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa zurück – und forciert die in den letzten Jahren immer lauter werdenden Forderungen nach einem konsequenten Perspektivenwechsel in der Erinnerungskultur.

Dass die Initiative mit Projektraum in der Wilhelmstraße 92 – zwischen den ehemaligen Standorten der Reichskanzlei und des Auswärtigen Amtes – auf der diesjährigen Berlin Biennale eigentlich nicht fehlen darf, ergibt Sinn. Immerhin sind die gegenwärtigen Wirkungen der kolonialen Vergangenheit einer der Schwerpunkte der Ausstellung. „Eine enge Kooperation mit der von Kader Attia kuratierten Berlin Biennale war für uns ganz naheliegend, wenn nicht natürlich“, sagt Anna Yeboah, Dekoloniale-Koordinatorin, der Berliner Zeitung. Die Arbeit der Künstlerin Nil Yalter, die jetzt im Projektraum der Initiative zu sehen ist, sei für das Projekt auch deswegen das perfekte Match gewesen, weil sie wirklich mitten im Stadtraum hängt. „Es ist eben keine White-Cube-Arbeit für den Innenraum, sondern eine Schaufensterarbeit in der Mitte unseres Projektraums. Daher ist die Arbeit 24/7 zugänglich und präsent, und das an dem Ort, wo 1886 die Berliner Afrikakonferenz stattfand.“

Die Autodidaktin Yalter, deren Familie aus der Türkei stammt, lebt selbst im Exil in Frankreich und stellt fehl- und unterrepräsentierte Stimmen in den Mittelpunkt ihrer künstlerischen Arbeit. „Das ist das Gleiche, was wir mit Dekoloniale eigentlich auch versuchen“, sagt Yeboah, „es geht uns darum, diese Stimmen sichtbar zu machen und zu ehren, aber auch dominante Narrative im öffentlichen Raum zu stören beziehungsweise zu transformieren.“ Yalter behandelt in ihren Werken Themen wie den französischen Gefängnis-Industriekomplex oder intersektionale Kämpfe. Hanno Hauenstein

12. Berlin Biennale, Wilhelmstraße 92, zu sehen ab diesem Wochenende, noch bis September dieses Jahres

Der Schnitt ins Holz

Der Holzschnitt ist die älteste künstlerische Drucktechnik, im Mittelalter, als so viele Leute noch nicht lesen konnten, war er das einzige Verfahren für die volkstümlichen Bilderbögen, sozusagen als erstes Medium der Informationsverbreitung, bevor Gutenberg den Buchdruck erfand.

SMB/Kupferstichkabinett/Dietmar Katz
Carl Moser,„ Bretonische Hochzeit,“ 1906, Farbholzschnitt

Ihre erste große Blütezeit in der Bildkunst hatte die Technik durch Renaissancemeister wie Albrecht Dürer,  Lucas Cranach d. Ä. und den Italiener Ugo da Carpi. Im Barock nutzte Rubens das Verfahren für dramatische Körperbilder zur griechischen Mythologie. Und später, im 19. Jahrhundert, in Japan, machte der Farbholzschnitt Karriere. Hokusais ikonische „Welle“ wäre nicht denkbar ohne den Holzschnitt. Auch die Jugendstilkünstler verfeinerten die Technik  mit Eleganz. Anfang des 20. Jahrhunderts prägte sie die Bildsprache der Expressionisten, oft mit harten Konturen und farbig. Vor allem die Brücke-Künstler, Edvard  Munch und später der politisch engagierte Konrad Felixmüller schufen Meisterwerke. Und abermals erlebte das Verfahren eine Hochzeit in der abstrakten Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg. Kompositionen von Helen Frankenthaler, Hans Hartung und seit den 1960er-Jahren von Georg Baselitz, Anselm Kiefer oder Franz Gertsch veredelten die Technik in der Sprache der späten Moderne.

Erstaunlich ist die Virtuosität, mit der sich Künstlerinnen und Künstler auf der ganzen Welt mit immer raffinierteren Variationen bis heute dem Holzschnitt widmen. Von der Geschichte dieser beliebten und ausdrucksstarken Technik erzählt eine großartige Ausstellung des Berliner Kupferstichkabinetts. Und das ganz Besondere: Es sind auch Druckstöcke aus allen Zeiten zu sehen. Ingeborg Ruthe

Kupferstichkabinett, Kulturforum, Matthäikirchplatz, bis 11. September, Di.–Fr. 10–18/Sa. + So. 11–18 Uhr

Endlich wieder Sommertheater

Die Zeit der lauen Sommernächte ist da, und das ist die Zeit für die Shakespeare Company Berlin. Seit Jahren schon geben sie pralles, lautes, derbes Volkstheater und eines der Shakespeare-Stücke, das sich hierfür besonders gut eignet, ist die Komödie „Viel Lärm um nichts“. Hier geht es um Liebe, Geschlechterkampf, Beziehungsmodelle, um Mobbing und Intrigen. Das Ganze spielt im Land, wo die Zitronen blühen, also in Italien. Und die Erfahrung sagt: Ein Aperol Spritz ist ein hervorragender Begleiter für diesen Theaterabend.

René Löffler
Die Shakespeare Company Berlin mit „Viel Lärm um nichts“

Der Besuch des Sommertheaters wäre auch gleich die Gelegenheit, den neuen Spielort der Truppe kennenzulernen. Da ihre alte Wirkungsstätte im Natur-Park Schöneberger Südgelände saniert werden muss, sind sie auf eine ungenutzte Liegewiese des Sommerbads am Insulaner gezogen. Dort ist ein Theaterneubau aus Holz mit 400 Plätzen entstanden. Sogar teilweise überdacht ist er, sollte es in einer dieser lauen Sommernächte verbotenerweise doch einmal regnen, was ja eigentlich höchst wünschenswert ist. Susanne Lenz

Shakespeare Company Berlin: Viel Lärm um nichts 11. Juni, 20 Uhr, Munsterdamm 80: shakespeare-in-gruen.de

Poets’ Corner: Dichter in der Stadt

Bevor am 17. Juni das Poesiefestival Berlin beginnt, ziehen schon Dichter durch die Stadt. In vielen Bezirken wird ein Poets’ Corner eingerichtet, platt übersetzt: das Poeteneck, von wo aus Lyrik, Spoken-Word-Performances und Musik erklingen werden. Das Festival findet in diesem Jahr zum 23. Mal statt, seine Bezirksausläufer Poets’ Corner gibt es auch schon mehr als 15 Jahre als Versuch, Dichtung in den öffentlichen Raum zu tragen. Die Auftretenden leben in Berlin, sprechen aber verschiedene Sprachen, schreiben selbstverständlich in verschiedenen Stilen. Für Übersetzung ist gesorgt.

Es beginnt am Sonntagnachmittag (16 Uhr) in Spandau, im Gotischen Haus (Breite Straße 32) mit Daniel Falb, Göksu Kunak, Sünje Lewejohann, Denise Pereira und Holger Teschke. Daniel Falb ist nicht nur Dichter, sondern auch Philosoph. Zuletzt veröffentlichte er ein Buch, das sowohl Essays als auch Gedichte enthält: „Covid und Lebensform“. Göksu Kunaks Texte erkunden zum Beispiel den performativen Sprachgebrauch, der queeren Lebensstilen eigen ist. Sünje Lewejohanns jüngster Gedichtband „als ich noch ein tier war“ gräbt in den Folgen einer toxischen Beziehung. Holger Teschke schließlich ist in Berlin auch als Theatermacher und Brecht-Experte bekannt. Am Sonntagabend (19 Uhr) finden sich in der Schwartzschen Villa gleich am Bahnhof Steglitz die nächsten Poeten ein: Cecilía Barros Erismann, Douglas Pompeu und Viviane de Santana Paulo. Alle drei haben mit Sao Paulo denselben Geburtsort, es wird interessant zu hören, ob sie noch mehr verbindet. Vladimir Karparov begleitet sie am Saxofon. Am Montag geht es in Marzahn weiter. Cornelia Geißler

https://poesiefestival.org/de