Das Kultursommerfestival beginnt

90 Tage, 90 Orte, 90 Veranstaltungen, umsonst und draußen – das ist das Motto des Berliner Kultursommerfestivals. Vom kommenden Samstag bis Mitte September werden überall in der Stadt unterschiedlichste Kulturevents stattfinden, barrierefrei und gut mit den Öffis zu erreichen. Es gibt Lesungen, Konzerte, Theaterperformances, Comedy und vieles mehr, auch die Fête de la Musique am 21. Juni und 48 Stunden Neukölln vom 24. bis 26. Juni laufen in diesem Jahr unter dem Dach des Kultursommers. Zur Eröffnung schmeißen Klaus Lederer und Co. eine große Party am ehemaligen Flughafen Tempelhof: Auf dem Flugfeld soll eine Lichtshow der Compagnie Off erstrahlen – die auch schon bei dem berühmten Wüstenfestival Burning Man in Nevada für Ekstase mit und ohne chemische oder pflanzliche Hilfsmittel gesorgt hat. Das Programm des Kultursommers wird nach und nach vervollständigt. Am Sonntag gibt es gleich ein Highlight, dazu mehr im folgenden Kulturtipp. Claudia Reinhard

Guillaume Gleize
Die Lichtshow der Compagnie Off beim Burning Man Festival

Das Kultursommerfestival läuft vom 18. Juni bis September. Tickets für die Eröffnungsveranstaltung gibt es hier.


Staatsoper für alle

Am Sonntag um 13 Uhr wird im Rahmen des Kultursommerfestivals die Open-Air-Reihe „Staatsoper für alle“ fortgeführt. Unter Leitung des Dirigenten und Pianisten Daniel Barenboim spielt die Staatskapelle Berlin unter freiem Himmel auf dem Bebelplatz. Seit 2007 werden die jährlichen Veranstaltungen von Tausenden Menschen besucht, denn der Eintritt ist frei! Zusätzlich wird das Konzert live übertragen. Auf den Websites der Staatsoper und der Staatskapelle werden dafür Livestreams eingerichtet.

Jörg Carstensen/dpa
Die Staatskapelle beim „Staatsoper für alle“-Konzert 2017. Wie auch dieses Jahr auf dem Bebelplatz und unter der Leitung von Daniel Barenboim.

Die Straße Unter den Linden wird für das Konzert auf Höhe des Bebelplatzes komplett gesperrt, dann stehen statt Autohupen und Motorenlärm Tschaikowski und Schumann auf dem Programm. Tickets sind nicht erforderlich, man kann einfach zuhören kommen. Am Sonnabend findet, wie auch letztes Jahr, am Vortag der Hauptveranstaltung bereits eine Gratisveranstaltung statt. Die Premiere der Oper „Turandot“ wird um 18 Uhr im großen Saal vor Publikum aufgeführt und auf dem Bebelplatz live übertragen. „Turandot“ ist die letzte Oper des italienischen Komponisten Giacomo Puccini. Draußen sind keine Tickets erforderlich. Friedrich Conradi

Staatsoper für alle. 18. Juni, 18 Uhr, 19 Juni, 13 Uhr auf dem Bebelplatz. www.staatsoper-berlin.de 


Sonisches Figurentheater: Klang vergeht nicht

Bevor in ein paar Wochen der Studiengang Zeitgenössische Puppenspielkunst an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch sein 50. Jubiläum feiert, zeigt das dritte Studienjahr mit „Silence oder: Die Stille nach dem Schleudergang“ seine aufwändige Studioinszenierung in der Schaubude. Allein ein Satz aus der Vorankündigung verrät einiges über Denkungsart der überdurchschnittlich eigenbrötlerischen Eleven, die stets poetisch vermittelt auf die Welt blicken, weswegen sie nicht einfach etwa in eine Straßenbahn einsteigen können, sondern das Drama eines solchen technisch-organisatorischen Vorgangs zu entschlüsseln versuchen – nicht immer ungefährlich!

Adeline Rüss
Sie hören was, was du nicht hörst: Sonare Forscher der Task Force 51 bei der Arbeit

Besagter Satz lautet: „Kein Geräusch, das je existierte, geht verloren.“ Das stimmt natürlich, denn wenn eine Schallwelle in Gang gesetzt ist, gibt sie Energie weiter, und die dazugehörige Geschichte gräbt sich sozusagen ins Vinyl des materiellen Universums, auch wenn sie längst der Wahrnehmbarkeit und der Erinnerung entrückt ist. Zum Beispiel die von den verschwundenen Bewohnern eines längst vergessenen Hauses, deren Tonabdruck die sonischen Forscher der Task Force 51 nachspüren. Ulrich Seidler

Silence Oder: Die Stille nach dem Schleudergang. 17., 18. Juni, 20 Uhr, 19. Juni, 19 Uhr in der Schaubude, Karten unter Tel.: 030 4234314 oder www.schaubude.berlin


Zur Geisterstunde am Grab von Christa Wolf

Das Sommerfest im Brecht-Haus beginnt am Sonnabendnachmittag mit einer Premiere. Das dort ansässige Museum, das Archiv und das Literaturforum eröffnen gemeinsam einen neuen Ort für Veranstaltungen. Im extra hergerichteten Brecht-Keller soll künftig gelesen und geredet werden, ähnlich wie im großen Saal mit der breiten Schaufensterfront zur Straße hin, aber auch anders, mal tiefgründiger, mal abseitiger. Klaus Lederer wird zur Begrüßung sprechen, die Chefs der drei Einrichtungen ebenfalls, und danach geht es los mit Musik und Führungen durchs Haus und über den angrenzenden Friedhof. Die Schauspielerin Corinna Harfouch und der Akkordeonspieler Felix Kroll stellen ab 19.30 Uhr Gedichte aus China, Finnland, Frankreich und Italien vor, die allesamt von Bertolt Brecht übersetzt wurden.

In der Dämmerung ab 21 Uhr führt der Weg raus auf den Dorotheenstädtischen Friedhof. An ausgewählten Gräbern werden Texte der Verstorbenen vorgetragen, um die Erinnerung an sie wachzuhalten. Für Christa Wolf liest ihre Tochter, die Psychotherapeutin Annette Simon, Heiner Müllers Tochter Anna steht am Grab ihres Vaters, die Dichterin Ursula Krechel trägt Texte ihres Kollegen Wolfgang Hilbig vor, Jenny Erpenbeck erinnert an die Theaterfotografin Eva Kemlein. Auch an Wolfgang Herrndorf oder Rudolf Bahro wird gedacht und selbstverständlich soll sich an diesem Abend auch an der Ruhestätte von Bertolt Brecht und Helene Weigel versammelt werden. Warnfried Altmann schickt Saxofon-Klänge in die Nacht. Cornelia Geißler

Sommerfest im und am Brecht-Haus 18. Juni, ab 15 Uhr, Chausseestraße 125, Eintritt frei


Die Open-Air-Berlinale empfängt in den Freiluftkinos der Stadt

Die Open-Air-Berlinale ist da. Am Freitagabend kann man im Freiluftkino Friedrichshain den Film sehen, der den Panorama-Publikumspreis gewonnen hat: „Ask, Mark ve Ölüm“ von Cem Kaya, ein Dokumentarfilm, der 60 Jahre türkische Musik in Deutschland feiert. Eine alternative Nachkriegsgeschichte und zugleich ein musikalisches Who’s who, von Yüksel Özkasap über Derdiyoklar bis Muhabbet, wie es im Programmheft heißt. Der Regisseur und sein Team werden erwartet.

FOZ/Berlinale
Denis Menochet und Isabelle Adjani in einer Szene des Films „Peter von Kant“

Am Samstag läuft der Film, der die Berlinale im Februar eröffnet hat: „Peter von Kant“. Der französische Regisseur Francois Ozon hat hier den Fassbinder-Film „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ adaptiert und spielt mit den Geschlechterrollen. Präsentiert wird der Film von Carlo Chatrian selbst, dem Künstlerischen Leiter der Berlinale. Es wird dringend geraten, sich die Tickets online zu kaufen, da an der Abendkasse nur Restkarten liegen. Susanne Lenz

Ask, Mark ve Ölüm: 17. Juni, 21.45 Uhr, Freiluftkino Friedrichshain. Peter von Kant: 18. Juni, 21.45 Uhr, Freiluftkino Rehberge. Das gesamte Programm unter: www.berlinale.de


Fotografie: Verweile doch – Augenblicke in Europas Städten

Hansgert Lambers, geboren 1937 in Hannover, ist ein sensibler Beobachter. Und ein Menschenfreund, der sieht, Anteil nimmt, aber nicht wertet oder urteilt. Er verbrachte viel Zeit und übte sich für seine Motive in Geduld in europäischen Städten, westlich wie östlich. Über 70 Jahre lang machte er packende Straßenfotografie. Obwohl er nie Berufsfotograf werden wollte, sein Ingenieursstudium an der TU Berlin abschloss und dann bis zur Rente treu beim IT-Beratungsunternehmen IBM arbeitete. Eine Zeit lang war er bei der Installierung von Großrechneranlagen auch in sozialistischen Ländern tätig und konnte insbesondere in der damaligen CSSR viel fotografieren. Die Aufnahmen entstanden in Prag, Ostrava, andere in Barcelona, Ost- und West-Berlin, in Paris und London. Jetzt sind sie ausgebreitet in einer Retrospektive im Haus am Kleistpark.

Hansgert Lambers
Eine Kreuzberger Brache 1975 , nahe der Friedrichstraße

Lambers, das sehen wir auf Schritt und Tritt, hat einen sehr eigenen und immer neugierig emphatischen Blick auf die Menschen vor seiner Kamera. Fröhlichkeit und Ernst, gar Trauer, Glück, Leichtigkeit und Mühsal des Lebens finden sich in den Bildern als zum Dasein gehörende Zustände. Ob seine Fotografien die Diskrepanz zwischen der harten Anonymität riesiger Plattenbauten und dem Spiel der Kinder oder das intime Glück in einer unwirtlichen Umgebung im Realen Sozialismus einfingen – alles erzählt Geschichten. Und er zeigt eine zu großen Teilen verschwundene Welt, die seit über 30 Jahren, mit dem Ende des Kalten Krieges, überbaut oder abgerissen wurde. Und gentrifiziert.

1986 gründete Lambers außerdem den Fotografie-Verlag Ex Posé, in dem er über 80 Publikationen edierte, Werke anderer Kolleginnen und Kollegen veröffentlichte, viele davon aus dem osteuropäischen Raum. Ingeborg Ruthe

Haus am Kleistpark, Grunewaldstr. 6–7, bis 7. August. Di.–So. 11–18/Do. bis 20 Uhr, Katalog in der Schau 30 Euro