Silhouette des Gemeinen Haussperlings. Die Dachs-Ammer ist eine amerikanische Verwandte.
Foto: imago images/Oscar Diez

Berlin- Als der Autoverkehr im kalifornischen San Francisco während der Corona-Pandemie weitgehend zum Erliegen kam, schlug die Stunde der Spatzen. Das haben amerikanische Forscher in einer Studie herausgefunden, deren Ergebnisse kürzlich in der Wissenschaftszeitschrift Science veröffentlicht wurden. Die männlichen Exemplare der zu den Sperlingen gehörenden Dachsammern tschilpten plötzlich sanfter, verbesserten die Bandbreite ihrer Stimme und wurden dadurch verführerischer für die Weibchen.

Die Forscher hatten Audioaufnahmen von Dachsammer-Rufen des Vorjahres mit denen des Jahres 2020 verglichen und festgestellt, dass die Vögel leiser tschilpten und tiefere Töne trafen. In Zeiten des abnehmenden Lärms, so die Forscher, hätten die Männchen plötzlich besser und für die Weibchen verlockender geklungen. Den Wissenschaftlern gilt das als weiterer Beleg für die besondere Anpassungsleistung von Vögeln, die wie kaum eine andere Spezies in der Lage sind, sich in veränderten Lebensbedingungen zurechtzufinden.

Eine wichtige Beobachtung, deren gesellschaftspolitische Deutung aber leicht zu Konflikten führen kann. So ist der amerikanische Schriftsteller und Hobby-Ornithologe Jonathan Franzen unlängst mit seinem Verweis auf die Anpassungsfähigkeit der Vögel in einen schweren Streit mit Klima-Aktivisten graten, als er diesen vorwarf, mit ihrer alarmistischen „5-vor-12“-Rhetorik im Kampf gegen die Zerstörung unserer Lebensbedingungen zentrale Aspekte außen vorzulassen.

Aber wer achtet angesichts einer Pandemie schon auf das Verhalten von Sperlingen? Leiser zu singen scheint für Menschen keine Option. Bei einer Geburtstagsfeier will man die Jubilarin umarmen, und auf einer Beerdigung fällt es schwer, seine Anteilnahme nicht durch körperliche Nähe zum Ausdruck zu bringen. Wenn die Worte versagen, kann es tröstend sein, zumindest den Atem des anderen zu spüren.

Mehr als ein halbes Jahr nach dem Einbruch der Corona-Epidemie in unsere Lebenswirklichkeit ist es immer noch nicht einfach, unser Verhalten mit den neuen gesundheitspolitischen Anforderungen in Einklang zu bringen. Wie im Verlauf einer Party unter kontinuierlicher Zufuhr alkoholischer Getränke die Gespräche immer lauter werden, ist zuletzt auch der politische Lärmpegel gestiegen - beim gleichzeitigen Abflauen der hygienischen Vorsicht. Man muss kein renitenter Corona-Leugner sein, um für sich selbst festzustellen, dass die Verweildauer am Waschbecken zur Reinigung der Hände zurückgegangen ist. Anthropologisch betrachtet ist leider auch Nachlässigkeit eine Anpassungsleistung.

Das politische Dilemma der kühler werdenden Jahreszeit wird bis auf weiteres darin bestehen, einen aus Regeln und wissenschaftlichen Erkenntnissen hervorgehenden Pragmatismus mit den Annahmen eines gesunden Menschenverstandes abzugleichen, der zuletzt aber kaum dadurch in Erscheinung getreten ist, die ihm oft nachgesagte andere, vielleicht sogar bessere Seite der Vernunft zu repräsentieren. Vielmehr sehen wir uns mit widersprüchlichen nationalen Aktions- und Reaktionsmustern konfrontiert, die weder effektiv noch vernünftig erscheinen. Gegen die grenzüberschreitende Wucht der Pandemie sind nahezu überall ängstlich-paradoxe Bemühungen angestellt worden, die Planwagen des Eigensinns zumindest dem Anschein nach in eine stabile Formation zu bringen. Anschließend wird dann aus den lokalen Wagenburgen heraus beklagt, dass die eben noch als Nachbarschaft bezeichnete Region zum Risikogebiet erklärt wurde. Tirol ist schön, ab sofort aber auch gefährlich. Obwohl die Abweisung von Menschen zum politischen Programm erhoben wird, möchte man doch darüber bestimmen können, wer weiterhin kommen darf.

Dabei sollte nicht übersehen werden, dass die destruktiven Tendenzen einer politischen und ökomischen Renationalisierung bereits um sich gegriffen hatten, lange bevor das Virus aus dem chinesischen Wuhan in die Welt getragen wurde. Corona greift eben nicht nur den menschlichen Organismus an, die Epidemie erweist sich bislang auch als Stresstest für die Widerstandsfähigkeit politischer und sozialer Institutionen.

Was sich von den Dachsammern abschauen ließe, ist deren ausgeprägter Sinn für kunstvolles Weitermachen. Es wird für sie gute Gründe gegeben haben, in der lauten kalifornischen Metropole auszuharren. Das Beispiel jedenfalls zeigt, dass Anpassung nicht zwangsläufig eine Deformation darstellt, sondern auch als intelligente Form der Selbstbehauptung aufgefasst werden kann. Abstand halten, Masken tragen, Ellenbogengruß – Anpassungsleistungen, um widerstehen zu können.