Gedanken über die Sprache als Medium menschlicher Kommunikation macht sich auch die Ausstellung „Raus mit der Sprache“ in Luthers Sterbehaus in Eisleben.
Foto: Sebastian Willnow

BerlinDabei habe ich nichts gegen Schopska-Salat. Damals im Osten war er epidemisch. Sein Rezept kam aus der uns brüderlich verbundenen Volksrepublik Bulgarien, und er ließ sich mit seinerzeit verfügbarem Gemüse zubereiten. Das Zeug schmeckte. Wir, ha-ha-hatten ja sonst nichts. Nur das Wort nervte, zumindest mich. Es klang wie quietschende Kreide. Keine Ahnung, warum. Schopskenhauer? Umso lieber krähte, während ich mich unter Gehörkrämpfen wand, meine böse kleine Schwester „Schopska, Schopska“.

Nun, das mag meine Inselbegabung sein. Aber nur insoweit, wie es Balkansalat betrifft. Es kommt häufig vor, dass an sich harmlose Begriffe die Leute wuschig machen oder, neudeutsch, triggern. Einer Konstanzer Linguistin zufolge liegt das an der „multiplen Alarmfunktion“ von Sprache: Beim Hören unschuldiger Vokabeln produziere das Gehirn bisweilen unangenehme Bilder. Ich kenne Personen, die die Wendung „Stulle schmieren“ verabscheuen. Deren Assoziationsketten führen über Wagenschmiere und Schmierinfektionen direkt ins Dixi-Klo an der Autobahn.

Leider passen in dieses Erklärungsmuster weder „Schopska“ noch „lecker“. Mein zweites Gänsehautwort. Hört mir jetzt mal zu: Schwelgt hier noch einmal jemand „Hmm, lecker“ oder blökt gar „Lecko mio!“, könnte meine allergische Reaktion es in den Polizeireport schaffen. Ich will, dass niemand mehr „lecker“ sagt. Meinetwegen „köstlich“, notfalls „deliziös“. Eigentlich würde ich das der Bevölkerung gern vorschreiben. Doch dazu fehlt mir der Hebel, der Apparat.

Dieser Tage echauffieren sich viele über einen sogenannten Diversity-Leitfaden, mit dem die Berliner Justizverwaltung allen städtischen Bediensteten eindringlich vom Gebrauch bestimmter Redensarten abrät. Das betrifft zum Beispiel „anschwärzen“ und „Schwarzfahrer“, wegen angeblich rassistischer Konnotation. Wahrscheinlich sind die meisten Hauptstadtinsassen doof. Meinen Feldforschungen zufolge können mindestens 89,7 Prozent diesen Beigeschmack nicht spüren. Vielleicht ist es auch wegen Corona. Statt dunkler Hautfarbe ordnen sie die Schwarzwörter finsteren Machenschaften zu. Mir geht es ähnlich. Aber anders als der Rest bin ich weder amüsiert noch empört. Sondern neidisch.

Hier wurde nämlich Großes vollbracht: Einem relativ überschaubaren Personenkreis ist es gelungen, die eigenen Triggerwörter und multiplen Alarmfunktionen zum Maßstab einer Millionenmetropole zu machen – ganz egal, ob die meisten Leute da draußen das nun spleenig oder stulle finden. Genial. Das ist doch genau mein Traum. Die epochale Tat hat ihre Basis an Universitäten, in Medien, Parteien und Administrationen. Aber eben auch fast nur dort. Marx schrieb, eine Theorie würde „zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift“. Ach. Für Umwälzungen brauchst du keine Massen, sondern passende Leute auf den richtigen Kostenstellen. Ich liebe funktionierende Strukturen, gerade in Berlin.

Noch besser: Parallel triggern sie mit selbstgebastelten Vokabeln wie „Zu Fuß Gehende“ oder „Urlaubende“ wiederum den Pöbel, zumindest jenen Teil, der zur Grammatik ein innigeres Verhältnis hat als Mautminister Scheuer zum Vergaberecht. Ich verneige mich vor dem Mut und Eifer, solche Verbalwunder etablieren zu wollen. Teil der Erfolgsgeschichte werde ich wohl nie – es sei denn, in der bereits angekündigten Leitfaden-Überarbeitung tut sich noch was in Sachen „lecker“. Bitte.