Außenstehenden erscheint das jährlich zu Pfingsten in Leipzig stattfindende Wave-Gotik-Treffen, kurz: WGT, immer als riesige Freakshow. Das war auch dieses Jahr zum mittlerweile 22. Mal nicht anders: Mehr oder weniger vorteilhaft in knappe Fetischklamotten, Prinzessinnenkleidchen oder Robocop-Uniformen gekleidete Menschen allerlei Geschlechts bevölkerten die Leipziger Innenstadt.

Und auf den Bühnen der Stadt produzierten sich Nachwuchs-Autoren, deren Werke Titel wie „Totsein ist OK“, „Gespräche mit Goth“ oder „Schlimm und schwarz und Spaß dabei“ tragen. Katharina Thalbach las aus der Offenbarung des Johannes, auf der „Obsession Bizarre“ tummelten sich SM-Liebhaber und Bondage-Künstler und in den Räumlichkeiten des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen gab es „szenische Lesungen aus den Akten von DDR-Grufties“.

Musik wurde auch gespielt: Rund 200 Künstler tummelten sich auf den vielen in der Stadt verteilten Bühnen. Das Portfolio des WGT offenbart dabei die ganze musikalische Breite der Gothic-Bewegung. Die Death-Rock-Legende Sex Gang Children tummelt sich auf dem Billing neben Post-Industrial-Acts wie etwa Marke Sutcliffe Jügend oder Con-Dom sowie den italienischen EBM-Stampfern Pankow.

Ein eigenes „heidnisches Dorf“ bedient mit Bands wie Saltatio Mortis eskapistisch gestimmte Geister, während im Alten Landratsamt zunächst Winterkälte und <1979> die Rhythm-Noise-Fraktion begeisterte und später Lux Interna Neofolk mit Americana mischten. Seit Jahren öffnet sich das WGT auch zunehmend Künstlern aus dem Indie-Sektor: Dieses Jahr bewiesen Künstler wie Esben and the Witch, Kosheen oder Karin Park, dass Indie und Gothic auch auf den Festival-Bühnen zusammenwachsen, und das ist gut so, kann künstlerische Befruchtung von außen der Gothic-Szene doch nur gut tun.

Das bewies der Auftritt von Das Ich am ersten Festivaltag in den Agra-Hallen. Es war das erste Konzert des deutschen Szene-Urgesteins nach der schweren Hirnblutung von Sänger Stefan Ackermann, dem es wieder gut zu gehen scheint. Das war schöner anzusehen als die Show selbst, die wie jeher neben platten Synthesizer-Klängen und pathetischen Texten mit merkwürdigen Kostümierungen und grenzwertigen Frisuren bestach. Wie man klassische Goth-Klänge jenseits peinlicher Plattitüden zelebriert bewiesen am nächsten Tag die Türken She Past Away im Anker. Ihr rein türkischsprachiges Set bewegte sich milimetergenau auf den Spuren von The Cure und The Sisters Of Mercy. Das war zwar nicht originell, aber dafür gut gemacht.

Wölfe im Schafspelz

Neben den ewigen Retro-Synth Poppern And One wurde den Wahl-Berlinern IAMX die Ehre zu Teil, als „Mitternachts-Special“ in den ungemütlichen Räumlichkeiten der Agra-Halle dem feierwütigen Partyvolk einzuheizen: Bei Chris Corners Solo-Projekt beeindruckten vor allem die perfekt durchchoreografierte Show und zahlreiche Videoinstallationen. Neben schöner Optik und den ekstatisch zuckenden Körpern seiner androgynen Musikerinnen und Musiker überzeugten hier Stücke wie „I Come With Knives“ mit ihrem eigenen, Elemente des Electroclash, Breakcore und amerikanischen Industrials vereinigenden Elektro-Pop.

Rein akustisch war hingegen das Konzert von Patrick Wolf, der am Samstagmittag in der Volkspalast sein vielumjubeltes WGT-Debüt gab. Der in ein exentrischen Leder-Look gekleidete britische Ausnahmemusiker und Queer-Folker exorziert in seinen Liedern ausschweifende Party-Nächte ebenso wie englische Traditionals um unglückliche Liebe im Mittelalter im Zeichen von Pest und Cholera. Stimmgewaltig erinnert der wölfisch geschminkte Multiinstrumentalist mal an Marc Almond, mal an Antony and the Johnsons. Wenn der Brite in Stücken wie „Oblivion“ oder „Vultures“ den Mond anheult sprichter zu den Wolf in uns allen.

Wölfe sind auch die Norweger Ulver, denn nichts anderes bedeutet ihr Bandname in ihrer Heimatsprache. Auf dem WGT gaben sich die Elektroniker aber handzahm und kleideten ihr ansonsten sperriges Soundgewand Montagabend in ein Schafpelz. Schön gescheitelt und brav in Anzug und Krawatte begleitete die Band aus Oslo im Volkspalast das Erfurter STÜBA-Philharmonieorchester, das bis dato vor allem durch seine Zusammenarbeit mit dem Schwiegersohn-Rapper Clueso auffiel.

Dem von Martin Lentz geleiteten Orchester gelang die endgültige Zähmung der ursprünglich aus der Black Metal-Szene stammenden Musiker. Die cineastische Elektronik von Ulver und der magische Gesang ihres trotzig in Kapuzenpulli auftretenden Frontmanns Garm kamen jedenfalls selten zur Geltung.

Dass weniger mehr ist bewiesen zuvor an gleicher Stelle Arktau Eos. Die musikalische Heimat des ansonsten unter dem Banner von Halo Manash musizierenden Trios ist die Ritualmusik. Das Ritual-Genre erfanden die Finnen mit Gongs, asiatischen Saiteninstrumenten, Kehlkopfgesang, analogen Elektroklängen, bizarrer Maskerade zwar nicht neu: So überzeugend wie am Montag wurden aber schon lange keine finno-ugrischen Tundra-Gottheiten mehr auf sächsischen Bühnen beschworen.