Sie sind klein und könnten trotzdem eine große Sache für den Journalismus werden: Wearables, tragbare Computer wie Smartwatches und Datenbrillen spielen bei der Vermittlung von News eine immer größere Rolle. Allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, dass Wearables Medien sind, die man mit Content bespielen kann.

Die Financial Times hat ihre eigene App für die Samsung-Smartwatch Gear S vorgestellt. Mit der App „fastFT“ hat man Zugriff auf die News und ist somit auch am Handgelenk immer up to date. Der Verlagschef der Financial Times, John Ridding, sagte: „Es unterstützt die Strategie, den Journalismus der FT auf jedwedem Format, das unsere Leser wählen, zur Verfügung zu stellen“. Die Nachrichten von morgen findet man nicht mehr im Briefkasten, sondern direkt am Handgelenk.

Die App fastFT wurde bei den Newspaper Awards 2014 in London als bester digitaler Nachrichtendienst ausgezeichnet. Entwickelt wurde die App vom US-Start-up Spritz, das auch mit der Bild-Zeitung und der Süddeutschen Zeitung kooperiert und Texte Wort für Wort liefert. Statt des gesamten Textes stellt Spritz die einzelnen Wörter nacheinander dar, allerdings auf deren optische Mitte zentriert. Somit werden Augenbewegungen überflüssig. Nach kurzer Gewöhnung lässt sich das Lesetempo steigern, je nach Einstellung sind bis zu 1000 Wörter pro Minute möglich.

Süddeutsche.de bietet als erste deutsche Nachrichtenseite Inhalte in einer App auf der Gear S an. „Gerade entsteht eine neue Geräteklasse neben Smartphones und Tablets, und natürlich stellt sich die Frage, wie wir Journalismus auf dem geringen Platz präsentieren können“, sagt Süddeutsche.de-Chefredakteur Stefan Plöchinger.

"Nutzer werden Leseverhalten an Uhren anpassen"

Pünktlich zum Verkaufsstart der Apple Watch lancierte der Axel Springer Verlag Applikationen für seine Zeitungen Bild und Die Welt sowie für den TV-Sender N24. Die journalistischen Angebote sollen direkt auf der Uhr verfügbar sein.

Auch der TV-Sender EuroNews arbeitet bereits mit Versatzstücken in Form von unvollständigen Sätzen. Auf der für Samsungs Gear S und Sonys Smartwatch 2 entwickelten App Express werden Nachrichten im Ticker-Format angezeigt: stichwortartige Informationsfetzen. Auch das Start-up News Republic aus San Francisco bietet Inhalte für intelligente Uhren an.

Auf der App werden Nachrichten aus dem Börsengeschäft und Sportgeschehen eingespielt. „Die Menschen werden Artikel auf ihrer Uhr lesen“, sagt News-Republic-Gründer Gilles Raymond. „Sie werden keine 300 Artikel lesen, aber sich schnell an die Technologie anpassen.“ Auf der Smartwatch Pebble setzt die App MLB Scorewatch den aktuellen Spielstand eines Baseballspiels in Szene und führt die Schlagzahlen der Spieler auf. Die Informationen werden verdichtet und auf Wearable-Format eingedampft. Der Blick auf die Uhr wird zum Blick in die Welt.

Der US-Fernsehsender CNN bietet für Google Glass eine maßgeschneiderte App an. Mit der Datenbrille können News-Beiträge und kurze Nachrichtenclips empfangen werden. Die Breaking News flimmern direkt vor dem Auge. Die Resonanz ist positiv. „Wir wissen, dass die App für Google Glass eines der beliebtesten Produkte auf unserer Plattform ist“, sagt CNN-Digitalchef John Hashimoto. „Das zeigt, dass die Nutzer Google Glass als Nachrichtenquelle sehen.“

Smartwatch immer wichtiger für Berichterstatter

Wearables sind aber nicht nur Informationsträger, sondern können auch als Werkzeug für die tägliche Berichterstattung genutzt werden. Ein spezielles Feature der CNN-App ermöglicht es Trägern von Google Glass, Fotos oder Videos, die mit der Kamera aufgenommen wurden, auf iReport zu teilen, einer Plattform für User-generated Content. Der datenbebrillte Bürgerjournalist liefert Bild und Ton vor Ort.

Die Redaktion von CNN wählt dann die besten Beiträge aus. Ein Nutzer hat Bilder seiner Nordkorea-Reise aufgenommen und diese auf iReport geteilt. Der Videofotograf Tim Pool vom US-Magazin Vice verfolgte die Demonstrationen in Istanbul und Kairo mit einer Google Glass. CNN will seine Reporter vorerst nicht mit der Datenbrille ausstatten, sagt Digitalchef Hashimoto.

An der Journalistenschule der Universität im kalifornischen Annenberg gibt es unterdessen einen Kurs, in dem Studenten in die Grundlagen von „Glass Journalism“ eingewiesen werden. Es ist ein völlig neues Feld. „Das Ziel ist, dass man nicht mehr auf sein Smartphone starrt, sondern in die Welt schaut“, sagte der zuständige Seminarleiter, Professor Robert Hernandez, gegenüber der Zeitung USA Today.

Allein, die ethischen und rechtlichen Aspekte der Technik sind noch nicht im Ansatz diskutiert. Darf man als Journalist einfach mit einer Datenbrille durch eine Menschenmenge laufen und Aufnahmen machen? Braucht man dafür eine Dreherlaubnis? Wie steht es um den Quellenschutz? Die kleinen Geräte werfen große Fragen auf.