Berlin - Zu Beginn des neuen „Freischütz“ an der Staatsoper schaut man im Schiller-Theater in einen klassischen Guckkasten. Fast wie auf einer alten Fotografie mit unscharfen, abgerundeten Rändern steht der Chor gedrängt auf der Bühne, mit dem glücklosen Max vorn am Rand und dem Bauern Kilian in der Mitte, der sich als Sieger des Schießwettbewerbs vor dem Volke dicke tut.

Vielleicht ist diese Daguerrotypie-artige Bildwirkung vom Regisseur Michael Thalheimer gar nicht beabsichtigt gewesen – aber es stimmt ja: Der „Freischütz“ Carl Maria von Webers ist ein altes Stück, weil es ein so viel gespieltes, so oft inszeniertes, so fest im deutschen Bewusstsein verschraubtes Stück ist. Kein Regisseur kann da bei Null anfangen, sondern muss mit dieser Bekanntheit irgendwie umgehen. Für Thalheimer jedoch, der im Interview mit der Berliner Zeitung gestand, noch keine Inszenierung der Oper gesehen zu haben, ist der „Freischütz“ nicht aufgrund seines seit der Uraufführung 1820 ungebrochenen Erfolges alt, sondern vor allem deswegen, weil seine Geschichte archaisch ist. Sein Bühnenbildner Olaf Altmann hat eine Höhle gebaut, die nach hinten in eine kreisrunde Öffnung ausgeht.

Morgen kommt es darauf an

Diese Höhle mag der Ort des Dämons Samiel (Peter Moltzen) sein, der von Anfang bis Ende mit nacktem Oberkörper anwesend ist, aber es ist auch der Ort atavistischer Bräuche, der Ort einer Urgemeinschaft, die, das zeigt eben das erste Bild, den Versager schon ausgestoßen hat. Max, der junge Jäger, hat versagt, weil er nervös ist: Morgen kommt es drauf an – wenn er wieder danebenschießt, kann er die Erbförsterei und die dazugehörige Tochter Agathe in den Wind schreiben. Sensibelchen werden ausgeschlossen und geneckt: „He he he he he he….“ singt der Chor und bringt mit plötzlichem Fünfvierteltakt alle Ordnung für einen Moment durcheinander.

Thalheimer, der berüchtigte Verknapper des deutschen Theaters, stellt diese Problematik fast stringenter dar, als sie komponiert ist: Max tritt in der Oper nicht oft in Erscheinung, der Librettist Friedrich Kind ist früh dafür gerügt worden, dass die Hauptfigur so passiv bleibt, gerade im dritten Akt darf er nur noch im Finale seinen satanischen Manipulationsversuch mit den Freikugeln bereuen. Leider verschafft auch der tüchtige Burkhard Fritz dem Max keinen besonders prägnanten Auftritt – nicht einmal in dessen großer Arie. Auch Falk Struckmann als Kaspar ist ein ordentlicher, aber auch konventioneller Finsterling. Victor von Halem leiht dem Kuno die Statur einer Sängerlegende – aus der kleinen Rolle indes ist wenig zu machen.

Das sieht auf der weiblichen Seite der Geschichte schon ganz anders aus. Dorothea Röschmann mag Probleme mit der Länge der Phrasen haben und in der Höhe einige Schärfe zeigen – aber sie singt die Agathe mit einer Mädchenhaftigkeit und stillen Reinheit, die beim „Leise, leise, fromme Weise“ zu Tränen rührt. In ihrer Sensibilität ist sie wie Max ebenfalls eine geborene Außenseiterin – in der Einsamkeit des Forsthauses wird sie nicht vom Volk gepiesackt, sondern von Ännchen. Das Mädchen wirkt gruseliger als die gesamte Wolfsschlucht-Szene, die Michael Thalheimer als ein blutiges Ritual mit einer Prozession schwarz gewandeter Frauen auf allen Vieren inszeniert.

Ännchens Neudeutung ist Thalheimers größtes Verdienst. Im Gegensatz zur willig-frommen Unterordnung unters Patriarchat, die man Agathe unterstellt hat, galt Ännchen stets als emanzipiertes Mädchen, das bei der Auswahl des Mannes ihren Trieben folgt. Bei Thalheimer dagegen repräsentiert sie alles Vulgäre und Gedankenlose, unter dem schöne Seelen wie Agathe zu leiden haben – und denen gilt die Anteilnahme des Regisseurs. Anna Prohaska dreht ihre technische Souveränität virtuos ins Seelenlose, wenn sie als Ännchen den „leichten Sinn“ propagiert, stakst zu Beginn wie mit geschienten Beinen auf die Bühne und findet zu ihrer wahren Bestimmung in der Gruselballade von Nero, dem Kettenhund, wenn es nämlich darum geht, die begründeten Ahnungen und Ängste Agathes zu veralbern.

Traumhaft zartes Spiel der Staatskapelle

Sebastian Weigle am Pult ermutigt die Staatskapelle zu traumhaft zartem Spiel und zu Bläsersoli, die in ihrer zeitvergessenen Schönheit noch einmal etwas vermitteln von Webers Entdeckung des romantischen Klangs. Und gerade im Duett von Agathe und Ännchen wird die gestalterische Sorgfalt Weigles greifbar an der Gleichzeitigkeit von Schwermut und Leichtsinn. Weigle entfaltet den Orchesterklang aus dem piano, ohne einem modisch-stilfremden Transparenzgebot zu folgen. Die Staatskapelle klingt leicht, aber dennoch stets bedeutungsvoll: Dem alten Stück wird damit etwas von seiner Jugend, ja seiner Frühe wiedergegeben.

Ritual der Unterordnung

Thalheimer hat die Dialoge extrem verknappt, sein „Freischütz“ kommt damit auf zwei Stunden Spieldauer, auf die Pause wird verzichtet. Das funktioniert nur, weil jeder weiß, wovon das Stück handelt. Wenn im dritten Akt nur noch die Musikstücke ohne vermittelnden Text aufeinander folgen, verdichtet sich die romantische Oper zum surrealen Geschehen, besonders plakativ im Chor vom Jungfernkranz, was Thalheimer als Ritual der Unterordnung inszeniert, als krampfhaft irres Einschwenken der Braut Agathe in den Rhythmus des Lieds. Dann Stille, in der die starr lachenden Gesichter der Brautjungfern in furchtsames Staunen übergehen. Was hier passiert – laut Libretto wird in der Schachtel statt des Brautkranzes eine Totenkrone entdeckt –, wird nicht gesagt, aber gerade im Verschweigen liegt ungeheure Intensität. Der folgende Jägerchor hält diese Intensität nicht, wenn die Männer alle mit einem Bierglas in der Hand auftreten.

Atavistische Gesellschaften gibt es in Höhlen wie auf dem Oktoberfest. Sie verlangen Einordnung und Mitmachen bei ihren fremden Ritualen. Den „Freischütz“ als die Geschichte eines gesellschaftlichen Ausschlusses zu erzählen, ist keine neue Idee; Calixto Bieito hat es an der Komischen Oper vor einigen Jahren auch getan. Aber Thalheimer verfährt deutlich präziser und kühler – und am Ende musikalischer, weil die ausgesparten Szenen der Musik mehr Raum lassen. Das Publikum empfing den Regisseur am Ende mit eigentümlich zaghaften Buhs und Bravorufen.

Der "Freischütz" 21., 24., 30. Januar; 5., 8. Februar, jeweils 19.30 Uhr in der Staatsoper im Schillertheater, Karten auf der Webseite der Staatsoper Berlin oder unter 030 20354555.