Die Frage, ob das Fernsehen, wie wir es kennen, bald zu Gunsten des Internets ausgedient hat, beschäftigt Medienexperten seit Jahren. Was hat sich aber in den letzten Jahren wirklich getan und was ist in den nächsten Jahren zu erwarten? Dem Serienzuschauer ist Lisa Kudrow vielleicht noch aus der Sitcom „Friends“ bekannt; eine Serie, die in den 90er Jahren und zu Beginn des Jahrtausends die Populärkultur in den USA und Europa wie kaum eine andere Serie mitbestimmt haben.

Nachdem es einige Jahre ruhig geworden war um die Darstellerin, meldete sie sich Ende 2008 mit einer Webserie zurück. „Web Therapy“ war eine Serie mit anfangs knapp fünf Minutern langen Episoden, die exklusiv auf der vom Autohersteller Lexus betriebenen Lifestyle-Internetseite LStudio.com zu sehen war. Dieses Comeback an einer derart ungewöhnlichen Stelle erscheint umso überraschender, wenn man bedenkt, dass Kudrow in den letzten beiden Staffeln von „Friends“ eine Million Dollar Gage pro Episode bekommen hatte, und zur Elite im Seriengeschäft gehörte.

Die Couch im Netz

Die Idee, eine Webserie zu machen, in der man ein völlig neues Format ausprobieren konnte, erwies sich aber als schlüssig. In „Web Therapy“ spielt Kudrow eine Psychologin, die über Skype ihre Patienten behandelt. Das Format wurde überraschend schnell zum Erfolg und es dauerte nicht lange, bis die ersten Fernsehsender vor der Tür standen, um die Serie zu kaufen.

Ähnlich verhält es sich mit Jerry Seinfeld, dem wohl einflussreichsten und auch erfolgreichsten amerikanischen Comedystar der 1990er Jahre. Aus einer Laune heraus entschied er sich, Kollegen auf eine Autofahrt und einen Kaffee einzuladen, die Kamera laufen zu lassen, und dies später im Internet zu veröffentlichen. Keine Werbung, kein Vertrag mit einem Sender, keinerlei Verpflichtungen. Dass diese Miniserie ein absoluter Erfolg sein sollte, und auch, dass mittlerweile eine zweite Staffel zu sehen ist, überraschte niemanden. Mittlerweile hat man die Automobilmarke Acura an Bord geholt, und Seinfeld muss seine Spritztouren nicht mehr selbst finanzieren.

Neben diversen Film- und Fernsehstars und Firmen, die im Internet mit guten Videoangeboten auf sich aufmerksam machen, muss natürlich Youtube genannt werden. Die im Jahr 2006 von Google übernommene Videoplattform bietet nicht nur die größte Auswahl an Videos im Netz, sondern hat sich weltweit zur mittlerweile zweitgrößten Internetsuchmaschine entwickelt.

Neben den von Youtube finanzierten Original Channels, die exklusiven Inhalt produzieren und auch von Google/Youtube finanziert werden, und den unzähligen prominenten Entertainern, die über eigene Youtube-Channels verfügen, sind aber besonders die privaten Youtube Stars interessant.

Auf den ersten Blick mag das Videoangebot der Self-made Youtuber sehr eigen wirken, wenn man sich aber von den durch das Fernsehen konditionierten Sehgewohnheiten verabschiedet und darauf schaut, was sich hier entwickelt, ist es auf jeden Fall einen genaueren Blick wert.

Das Grundprinzip von Youtube hat dem klassischen Fernsehen gegenüber einen immensen Vorteil: Man kann sich die meist nur einige Minuten dauernden Videoinhalte egal wo oder wann auf einer schier unendlichen Bandbreite von Endgeräten anschauen: vom Fernseher daheim bis hin zum Smartphone an der Bushaltestelle. Hinzu kommt, dass es faktisch nichts gibt, zu dem nicht Videos auf Youtube zu finden sind. Viele, speziell jüngere Nutzer, finden bei ihren Youtube Stars Hilfe für alle Lebenslagen: Unterstützung bei den Hausaufgaben, Schönheits- und Lifestyletips, Klatsch und Tratsch, sowie Neuigkeiten zu Videospielen und Filmen.

Dass es sich hier um scheinbar marginale Angebote handelt, macht diese oft privat betriebenen Youtube-Channels für die Werbeindustrie so interessant. Wenn ein Youtube-Kanal wie daaruum über knapp 520.000 Abonnenten verfügt, die sich über die neuesten Kosmetik- und Lifestyletrends informieren, und die sympathische Moderatorin mit positiven Feedback überhäufen, entsteht sehr schnell eine Interessen-Community mit vergleichsweise großer Reichweite.

Direkte Zielgruppenwerbung

Was anfänglich im Vergleich zum Fernsehen oft amateurhaft produziert wirken mag, entpuppt sich schnell als authentisch. Durch den Community-Gedanken können die Youtube-Stars und Channels in ihrem Angebot und ihren Themen oft von einem auf den anderen Tag reagieren.

Noch kommen die Abonnentenzahlen beziehungsweise Videoklicks nicht an die Einschaltquoten der großen Sender heran, aber dafür gibt es für die Werbung so gut wie keine Streuung: die Zuschauer eines Youtube-Channels, so klein, groß oder abwegig er scheinen mag, sind zu fast hundert Prozent direkte Zielgruppe für relevante Werbung.

Inzwischen gibt es auf Youtube die ersten Bezahlkanäle. Eine erfolgreiche Umsetzung dieses Modells wird aber in Deutschland wohl noch eine Weile auf sich warten lassen. Und das Internet als Videoanbieter hat bereits Erfolge aufzuweisen. Till Schweigers erster „Tatort“ hat in der Online-Mediathek fast zehn Prozent seiner Quote erlangt. Lisa Kudrow hat es mittlerweile wieder ins Fernsehen geschafft.