Einen präsenten Chefredakteur wünscht sich Julia Jäkel für den Stern, sagte die Vorstandschefin von Gruner + Jahr am Donnerstag vor der versammelten Redaktion. Einen, der dem Druck, dem ein Stern-Chef ausgesetzt ist, standhält; einen, der aus der Reporterwelt kommt, die Ärmel hochkrempelt und mit seiner Mannschaft zusammenarbeitet, anstatt sich abzukapseln. Der Stern selbst soll in ihren Augen für engagierten Journalismus stehen, relevant und angriffslustig sein, die Leute sollen reden über das, was im Stern steht. Es war ein Prozess über Monate, heißt es im Umfeld des Vorstands, Julia Jäkel habe sich lange angesehen, wie es beim Stern zugeht, nicht zuletzt hat sie in dieser Zeitung darüber gelesen. Schließlich entschied sie, die Chefredaktion neu zu besetzen und dem bisherigen zu sagen: Sorry, Dominik, es musste sein.

„Sorry, Henri, es musste sein“ – mit dieser Entschuldigung an die Adresse des Stern-Gründers Nannen warb Dominik Wichmann 2013 für den unter seiner Führung neu konzipierten Stern. Da war er in der Redaktion noch willkommen. Transparenz und flache Hierarchien hatte er versprochen, das Blatt wollte er entstauben, für den Online-Auftritt kündigte er Großes an. Dann schaffte er einzelne Ressorts und damit Kompetenzen ab und verpasste der Redaktion eine Matrixstruktur, die bürokratischer war denn je. Ein lähmender Apparat entstand, in dem Redakteure Exposee um Exposee schrieben. Was am Ende wie ins Blatt kam, wurde im kleinen Kreis entschieden. Dr. W. Ichmann nannten sie ihn. Im engen Korsett aus Kolumnen und Rubriken fanden sich im Stern nun Geschichten, die am Schreibtisch entstanden oder auf privaten Erlebnissen von Redakteuren beruhten. Wichmann lag daran, dass die Geschichten Zuversicht ausstrahlen, der Stern optimistisch wirkt, der Himmel auf Fotos blauer ist als anderswo. Notfalls kam der Weichzeichner zum Einsatz.

Aus den Medien erfahren

Gestreut wird nun das Gerücht, Wichmann habe sich dem Spardruck des Verlags nicht beugen wollen. Ihm wäre diese Interpretation sicher recht. Tatsächlich hat ihn sein Führungsstil den Job gekostet.

Empört hat die Redaktion nur, wie der Verlag die Trennung kommuniziert hat. Seit Mittwochabend war der Rauswurf Thema, doch erst am nächsten Vormittag hatte auch Wichmann die Gewissheit: Es stimmt, was er aus den Medien erfahren musste. Am selben Tag erschien der Stern mit seinem Editorial, in dem er den „lieben Lesern“ die erneute Reform des hinteren Heftteils nahelegt. „Sein & Haben“ heißt er, und er wimmelt vor Produktempfehlungen. Das konsumfreundliche Umfeld sollte wohl das darbende Anzeigengeschäft in Schwung bringen.

Nun also Christian Krug. Noch weilt er in einem Hotel in Marokko. Bis er im Oktober den Stern übernimmt, führt Herausgeber Andreas Petzold die Geschäfte. Seine Aufgabe ist es, Ruhe in die Redaktion zu bringen. Die von Wichmann Geförderten fürchten um ihre Posten, allesamt ärgern sie sich, dass der Vorstand das Recht des Redaktionsbeirats missachtet hat, bei der Neubesetzung der Chefredaktion angehört zu werden.

Welche Einwände gäbe es? Den Stern kennt der 48-jährige Krug seit Kindesbeinen. Sein Vater Gerhard war beim Stern Ressortchef, seine Stiefmutter Birgit Lahann Autorin, sie schreibt gelegentlich noch für das Blatt. Er selbst arbeitete bereits für den Stern, als Co-Chefredakteur des Magazins Max, der eine Art Stern für junge Leser werden wollte, auch gegen ihn. Doch Max wurde eingestellt, Krug landete bei den Kundenzeitschriften für G+J, bis ihn Julia Jäkel 2012 zum Chefredakteur des Promi-Magazins Gala beförderte. Seinen Ruf als Mann fürs Bunte bekämpft der Verlag, indem er in die Pressemitteilung schrieb, unter wem er schon einmal gearbeitet hat. Es sind die journalistischen Größen Herbert Riehl-Heyse, Michael Jürgs, Stefan Aust. Ob er es als Stern-Chef mit ihnen aufnehmen kann, muss Krug noch beweisen.

Unwürdige Trennung

Die Redaktionskonferenz um zehn Uhr am Donnerstag war die letzte, die Wichmann geleitet hat. In Anwesenheit der als Blattkritikerin geladenen RBB-Intendantin Dagmar Reim sprach er die Gerüchte um ihn von sich aus an, er bemühte sich um Souveränität. Erst danach begannen die Trennungsgespräche mit dem Vorstand. Um 13 Uhr präparierte sich die Stern-Redaktion für Fragen, denen sich um 15 Uhr der dreiköpfige Vorstand stellte. Konkrete Antworten gab es nicht. Statt Wichmanns Rauswurf zu begründen, strich Jäkel Krugs Führungsstärke heraus und offenbarte damit, worin sie Wichmanns Mängel sieht.

Dementiert hat der Vorstand, dass Sparpläne der Grund für die Trennung gewesen seien. Er machte aber keinen Hehl daraus, dass die Kosten den sinkenden Einnahmen anzupassen seien – wie schon in der Vergangenheit, beim Stern und mehr noch bei den publizistisch weniger bis gar nicht relevanten G+J-Marken. Immer wieder musste sich Jäkel die Frage gefallen lassen, wieso die Trennung von Wichmann so unwürdig verlief. Sie konterte, bei hoch dotierten Spitzenposten sei das oft nicht zu vermeiden. Ihren eigenen nahm sie davon ausdrücklich nicht aus.