Berlin - Ein Video des Hamburger Designers Jan Kamensky zeigt einen langen Blick auf die vierspurige Skalitzer Straße. Der Himmel ist grau, es scheint fast, als stammten die Wolken direkt aus den Auspuffen der im Stau stehenden Autos und Lieferwagen. Es hupt, eine Sirene naht, Motoren brummen und blubbern, jemand hustet und mit einem herzhaften Nieser fliegt ein Gullideckel hoch. Nach einer Weile hört man freundlichere Geräusche. 

Mit jedem Plopp lösen sich Autos vom Asphalt und steigen in den Himmel auf. Desgleichen Ampelanlagen, Schutzgeländer, Verkehrsschilder, Barken. Plopp, plopp, plopp. Der Motorenlärm schwillt ab, das Wetter bessert sich, und mit hübschem Geraschel bilden sich Rasenflächen, wuchern Ranken die Bahntrasse hinauf, strecken sich Bäume in die Höhe. Vögel zwitschern, mit nettem Fahrradklingeln grüßen tiefenentspannte, aber doch dynamische Städtebewohner. Am Schluss neigt sich der Fernsehturm ins Bild und macht liebe Stauneaugen.

Ähnliche liebevolle, ironisch verkitschte Trickvideos hat Kamensky von Hamburger, Brüsseler, Pariser, Wiener oder Kölner Kreuzungen hergestellt. In einem Interview mit den Krautreportern gibt er sich ein bisschen staatstragend und humorlos: „Ich gestalte in diesem Projekt nicht als Architekt oder Stadtplaner. Ich bin visueller Utopist, der zu einem verstärkten Bewusstsein unserer gegenwärtigen Lage beitragen möchte.“ Aber er hat schon recht, wenn man seine praktischen Utopien einmal vor Augen hat und ein Gefühl für den durch den Autoverkehr versperrten Stadtraum und die vergebenen Möglichkeiten bekommt, guckt man mit schärferem Bewusstsein ins urbane Gelände.

Wenn auch Lieferautos, Krankentransporter oder Rettungsfahrzeuge fehlen, die gewonnenen Flächen sind derart weit, dass ausreichende Fahrwege locker unterkommen, zumal entspannte Radfahrende nichts lieber tun, als Platz zu machen, wenn es nötig ist. Sie sind dankbar, wenn man sie nicht totfährt.