Diese zweite Insolvenz des Berliner Eulenspiegel-Verlages innerhalb von drei Jahren war vorhersehbar. Nur den Verlag, den erwischt die Neuigkeit kalt und plötzlich. Weil er eine „unerwartete Rechnung von der VG Wort“ nicht bezahlen kann, wie der Tagesspiegel gestern berichtet. Denn der Verlag solle Geld zurückzahlen, das er nie bekommen habe. Der Vorgang mute an wie ein Schelmenstück, so das Blatt.

Na gut, die Schelmenstücke führt eher der Verleger auf, sie sind übler Natur und gehen nicht erst seit der Insolvenz 2014 ausschließlich auf Kosten seiner Autoren. Autoren, wohlgemerkt, die nicht zu den Großverdienern gehören und oft Monate, wenn nicht Jahre an einem Buch schreiben. Auch bei den Forderungen der VG Wort geht es um Ausschüttungen der Verwertungsgesellschaft, die nach der jüngsten Rechtsprechung den Autoren zustehen und nicht mehr den Verlagen.

Unredliches Geschäftsmodell

Die VG Wort habe ihre Forderungen gegenüber dem Eulenspiegel-Verlag gründlich geprüft, die seien nicht neu und absolut rechtmäßig, so die VG Wort. Die anderen Verlage unternähmen gewaltige Anstrengungen, der neuen Gesetzeslage zu entsprechen, nicht aber der Eulenspiegel-Verlag.

Auch das klingt nicht unerwartet, denn der Verlag kehrte unmittelbar nach der Insolvenz von 2014 zu seinem alten unredlichen Geschäftsmodell zurück. Es besteht vor allem darin, Autoren nicht oder sehr schleppend zu bezahlen. Der Verlag lässt sie um ihre Honorare betteln, fertigt sie mit leeren Versprechen ab und zahlt, wenn überhaupt, auf dem Klageweg.

Brummende Gläubiger

So ging das über Jahre, bis der Verlag auch für seine eigenen Mitarbeiter keine Krankenkassenbeträge mehr übrig hatte und eine Krankenkasse Insolvenzantrag stellte. Beim Insolvenzverfahren ging es dann um 1,6 Millionen Euro Schulden. Die Gläubiger brummten unmutig, stimmten aber letztlich doch für die Weiterführung des Verlages. Ihr Geld war eh weg, sollten nun auch noch Arbeitsplätze verloren gehen? Lieber nicht.

So war der Verleger Matthias Oehme nun alle Schulden auf einmal los und machte weiter wie bisher. Die Autoren sollen nicht die Leidtragenden seiner Zahlungsschwierigkeiten sein, sagte er manchmal. Seinen Verlag zog an den Gendarmenmarkt. Doch schon bald meldeten sich einige Autoren bei der Berliner Zeitung und berichteten, dass der Verlag auch nach dem Schuldenschnitt Honorare verweigere.

Der Betrieb geht weiter

Wieder kam es zu Kontensperrung und Klagen. Forderungen der Autoren für 2016 sind bis heute offen und werden es wohl auch bleiben nach dem neuen Insolvenzantrag. Für die Mitarbeiter gehe der Betrieb zunächst aber weiter, wie der der vorläufige Insolvenzverwalter Torsten Martini am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur sagte: „Die Leute bekommen ihr Geld.“

Natürlich stellte sich immer die Frage, ob es nicht schade ist um einen solchen Traditionsverlag. Der Literaturwissenschaftler Matthias Oehme und die Redaktionssekretärin Jaqueline Kühne hatten ihn 1993 aus der Insolvenzmasse verschiedener DDR-Verlage gekauft machten später rund drei Millionen Euro Jahresumsatz damit. Der Schwerpunkt lag auf Ostalgie, da vermuteten gerade Künstler und Sportler aus der DDR hier den richtigen Ort für ihre Erinnerungen, es hielt sich zudem ein linker Nimbus. Aber als Verlag hat er längst an Bedeutung verloren.

Desaster und Zuversicht

Womöglich war es ein Fehler, dem Verlag nach der ersten Insolvenz Gelegenheit zu geben, wieder neue Schulden anzuhäufen. Für umsonst schreiben kann ein Autor auch im Eigenverlag. Da muss er nicht Büros und Gehälter des zwölfköpfigen Verlages mitfinanzieren. Der Verlag verweigert der Berliner Zeitung jede Auskunft, etwa über die Schuldenhöhe, denn sie hatte ausführlich über das letzte Desaster berichtet. Aber dem Tagesspiegel sagte Matthias Oehme zuversichtlich: „Wir gehen ganz heftig davon aus, dass es weitergeht“. Wenn es nur um die VG-Wort-Rechnung ginge, wird er recht behalten.