BerlinIch weiß, dass das jetzt auch nicht hilft, die Laune zu verbessern, aber die Wahrheit muss heraus: In zwei Monaten ist Weihnachten. Grundschulkindern kommt das vor wie eine Ewigkeit, aber Sie und ich, die die Sache trotz aller Vorbehalte gern etwas traditionell angehen, wir wissen, dass es auch in diesem Jahr wieder nicht so werden wird, wie wir es gerne hätten.  

Gar nicht mehr werden kann! Die Liste mit den wirklich sinnvollen und womöglich selbstgemachten Geschenken hätte schon im Sommer fertig sein müssen, um in Ruhe abgearbeitet werden zu können. Und da man so kurz, bevor es ernst wird, auch kein respektables „Dieses-Jahr-schenken-wir-uns-mal-bewusst-nichts“-Abkommen mehr treffen kann und im November zunächst die Adventskalender und  Weihnachtskarten Vorrang haben, wird es erneut darauf hinauslaufen, dass man viel zu spät und viel zu ratlos in Buchhandlungen, Drogerien und Elektromärkten herumsteht – diesmal mit angelaufener Brille zwischen Maske und Mütze – und froh ist, wenn wieder ein Häkchen auf der To-do-Liste gesetzt und ein Päckchen in letzter Minute noch zur Post gebracht werden kann.

Das ist so deprimierend! Aber lassen kann man es wohl nicht, wenn man in der eigenen Jugend mit einem konfektionierten Weihnachtsbild infiziert wurde. Und das vererbt sich weiter. Als ich neulich sinnsucherisch laut darüber nachdachte, dieses Jahr vielleicht pauschal Tierpatenschaften, Regenwaldquadratmeter oder Windkraftaktien zu verschenken, sagte meine 16-jährige Tochter rasch, dass sie das ja alles auch mit auf ihren Wunschzettel schreiben könne und sie mir im Übrigen mit den Päckchen für die Verwandten wirklich gerne helfen würde. Ein Weihnachtsbaum müsste außerdem sein, nein, auf keinen Fall im Topf!

Gemessen daran, was wir dieses Jahr schon alles anders und vor allem nicht gemacht haben, müsste es eigentlich ein Leichtes sein, Weihnachten neu zu definieren. Familiär zusammensitzen statt herumzuhetzen, Fremde zum Essen einladen und während der zuckerfreien Adventszeit Internet-Detox  betreiben (Schule und Berufliches ausgenommen). Andererseits ist es natürlich so, dass man gerade weil es keinen Sommer- und Herbsturlaub gab, größere Feste ausfielen und auch der dritte Teil von „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ nicht herauskam, der weitestmöglichen Normalität bedürftig ist, um nicht völlig den Halt zu verlieren. 

Der Publizist Matthias Horx, der sich selbstbewusst „Zukunftsforscher“ nennt, hatte im Frühjahr das güldene Post-Corona-Zeitalter ja schon für diesen Herbst prognostiziert. Blütenreine, bindungsfähige und ausschließlich im besten Sinne globalisierte Menschen würden aus dem nur wenige Wochen dauernden Lockdown hervorgehen, hatte er damals in einem online oft geteilten Text unter dem Titel „Die Welt nach Corona“ geschrieben – Bullshit, guckt uns an! Ja, dass alles anders ist und noch ganz anders wird, dieser ökonomische, politische und kulturelle – nennen wir es ruhig Erdrutsch, frisst an Jeglichem, was wir glaubten zu wissen. Und insofern ist es nicht nur in Ordnung, sondern womöglich auch wirklich wichtig, die gute alte Setzkastentradition namens Weihnachten in genau der Widersprüchlichkeit zu feiern, die wir jedes Jahr schon im Oktober fürchten. Her mit dem Lametta also – je falscher, desto passender!