Bob und Harvey Weinstein dürften das jüdische Chanukkah-Fest in diesem Jahr nicht so entspannt genossen haben, wie das vielleicht sonst der Fall war. Vermutlich haben die beiden Ur-Väter des US-Independent-Films ständig nervös auf ihre Smartphones geschaut, um die aktuellen Besucherzahlen des neuen Tarantino-Films „The Hateful Eight“ abzurufen, der kurz vor Weihnachten in den USA seinen limitierten Kino-Start feierte. Denn die Zeichen standen nicht gut für die jüngste Produktion der Brüder Weinstein, die schon seit Quentin Tarantinos Debüt „Reservoir Dogs“ (1992) mit dem Hollywood-Außenseiter zusammenarbeiten.

Die US-Kritiken zu „The Hateful Eight“ waren zum Teil verheerend; zudem hatten Tarantinos Zoff mit Disney wegen der imperialen Vertriebspraktiken beim neuen „Star Wars“-Film sowie der angekündigte Boykott der Polizeigewerkschaften die Premiere überschattet. Und so atmeten die Weinsteins erleichtert auf, als die ersten Boxoffice-Zahlen durchkamen. „The Hateful Eight“ war überall ausverkauft; Tarantinos Epos über einen Kopfgeldjäger im Wilden Westen spielte am ersten Wochenende mehr als 5,3 Millionen US-Dollar ein.

Doch die Probleme der legendären Weinstein-Firma, die einst Oscars sammelte wie Briefmarken, sind damit nicht gelöst. „Unsere Aktionäre“, klagte jüngst Harvey Weinstein in einem Interview mit der New York Times, „verlangen auf der Stelle ein monetäres Ereignis“. Im Klartext: Die Weinstein Company muss Dividende produzieren, was sie aber gegenwärtig nicht tut. Ein Teil der Sorgen der Weinsteins verdankt sich Problemen, mit denen derzeit die gesamte Filmbranche zu kämpfen hat. Unabhängige Film-Produktionsfirmen, die keine durchgeplanten Blockbuster mit Riesenbudgets produzieren, sind durch das sich rapide verändernde Geschäfts- und Vertriebsmodell von Video-Produkten massiv unter Druck geraten. So haben im Jahr 2015 gleich fünf namhafte Indie-Firmen bankrott angemeldet oder mussten verkaufen.

Mehr Geld in große Projekte stecken?

Nun sind die Weinsteins groß genug, so dass sie mit Filmen wie dem neuen Tarantino oder in der Vergangenheit etwa mit dem Oscar-Gewinner „The King’s Speech“ auch im Hollywood-Spiel um die Mega-Einspielergebnisse mitmachen können. Die Identität der Weinstein Company bildet indes nach wie vor das Independent-Kino mit Produktionen wie der Patricia-Highsmith-Verfilmung „Carol“ von Todd Haynes, die unlängst für die Golden Globes nominiert wurde. Solche Filme lohnen sich jedoch – wenn überhaupt – nur sehr langfristig. Zu langfristig für die ungeduldigen Investoren.

So überlegen die Weinsteins nun, in Zukunft mehr Geld in größere Produktionen zu investieren und die kleineren, also die Kritiker- und Festivaljury-Lieblinge, wegfallen zu lassen. Das kündigte jedenfalls Bob Weinstein, der geschäftsorientiertere der beiden Brüder an. Wie Harvey Weinstein, der kreative Kopf des Unternehmens, darüber denkt, war nicht zu erfahren. Für den ohnehin schlingernden Independent-Sektor wäre das ein weiterer Schlag. Harvey Weinsteins Gespür für Themen und Talente ist legendär: Ohne ihn hätte es Tarantino nicht gegeben und auch nicht Steven Soderbergh, nicht den Stummfilm-Erfolg „The Artist“ und auch nicht John Madden.

Hoffnung macht bei all dem, dass Harvey Weinstein nicht zum ersten Mal in der Klemme steckt. „Weinstein lässt Houdini aussehen, wie einen Anfänger“, sagt Barry Avrich, der 2011 einen Dokumentarfilm über die Brüder Weinstein gedreht hat. „Er wird sein außergewöhnliches Talentpool dazu benutzen, um sich neu zu finanzieren. Das hat er schon immer getan. Er hat neun Leben“. Ob das so einfach wird wie 2009, als Weinstein die Firma schon einmal vor dem sicher scheinenden Bankrott gerettet hat, bleibt allerdings erst noch abzuwarten. Unabhängig vom Ausgang ist dabei jedoch tröstlich, dass es noch Film-Mogule wie Harvey Weinstein gibt, die Risiken für ihre künstlerische Vision auf sich nehmen.