Jede Sprache übernimmt Wörter aus anderen Sprachen.
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BerlinWorte wandern. Sie wandern in andere Länder, in andere Sprachen. Was diese Exportartikel aus der deutschen Sprache angeht, wäre Kindergarten ein Beispiel, das fast jeder kennt. Sie sagen es in England, in den USA. Oder auch Gemütlichkeit, Zeitgeist, Weltanschauung. Germanismen nennt man sie, vielleicht auch, damit ja keiner vergisst, wo sie eigentlich herkommen. Sprachforscher sagen, die Wörterwanderung sei ein Zeichen dafür, dass eine Sprache lebt. Die deutsche Sprache braucht sich demnach also keine Sorgen zu machen.

Warum ein deutsches Wort anderswo Karriere macht, ist schwer zu sagen. Kaputt zum Beispiel ist recht erfolgreich. Sie benutzen es in Kanada, Frankreich, Griechenland. Manchmal beruht der Erfolg sicher darauf, dass es in der anderen Sprache keine Entsprechung gibt. Schadenfreude könnte ein Beispiel dafür sein. Oder Angst. Wenn man annimmt, dass Sprache sich auf Basis darwinistischer Prinzipien entwickelt, dass nicht nur Gene, sondern auch Worte um ihr Überleben im Prozess der natürlichen Auslese kämpfen, dann sagt ihre Existenz etwas über die Deutschen aus. 

Mancher Germanismus erzählt von deutscher Geschichte, von Schuld. Im Russischen etwa gibt es „lager“ und „schlagbaum“, im Japanischen „gasumasuku“. Und in England sagen sie „blitzkrieg“, selbst wenn sie nur von einer großangelegten Werbekampagne sprechen.

Nun ist wieder ein deutsches Wort auf dem Sprung in den angelsächsischen Sprachraum. Ein Twitter-Account, der jedes Wort meldet, wenn es zum ersten Mal in der New York Times geschrieben steht, gab jetzt Alarm: „Kurzabeit“. Vom fehlenden Buchstaben „r“ einmal abgesehen, fragt der Autor des Artikels, wer wohl besser durch die Corona-Krise komme: Die USA mit ihrem Hire-and-Fire-System oder Deutschland, das mithilfe der Kurzarbeit die Wirtschaft einfach eingefroren habe und sie nun auftauen könne.

Ein Wort ist nicht einfach nur ein Wort. Dieses hier repräsentiert ein Wirtschaftssystem, eine Sicht auf die Menschen in ihm, eine Sicht auf die Welt.