Thomas Olbricht ist Herr einer Wunderkammer. Er hat sich ein wahres Kuriositätenkabinett geschaffen, vom vergoldeten Straußenei bis zur Voodoopuppe, von der uralten Monstranz bis zum Vogelpräparat, vom Nippes bis zu Spielzeugen aus allen Zeiten. Im ganz Kleinen zumindest muss man an die Wunderkammer des Sachsenkönigs August des Starken denken.

Der Sammler Thomas Olbricht hat für all die verwunschenen, rätselhaften Dinge allerdings sofort die wissenschaftlichen Erkenntnisse parat. Schließlich sind wir im 21. Jahrhundert. Dieses exotische Sammelsurium von Exponaten aus aller Welt und aus allen Zeiten ist sozusagen das bizarr-romantische Herzzentrum von Dr. Olbrichts Ausstellungshaus Me Collectors Room, in dem zugleich renommierte internationale Gegenwartskunst zu sehen ist, und seiner 2010 in Berlin mit populärem Anspruch etablierten Stiftung in der Auguststraße in Mitte. Der 70-jährige Arzt, Chemiker, Kunstmäzen und Sammler aus Essen gehört zu den Erben des Familienunternehmens Wella.

Schon mit vier Jahren begann er zu sammeln: Spielzeugautos nämlich. Die Passion, sagt er, blieb ihm treu. Und er ihr. Als er noch als Arzt praktizierte, er ist Endokrinologe, füllten kleine Krankenwagen aus Plastik seine Regale im Behandlungszimmer, dann kamen kleine Feuerwehr-, Polizei-, THW- Fahrzeuge dazu.

Selbstredend interessieren ihn die Leidenschaften anderer Sammler. Denen gibt er jetzt bis Ende April viel Raum im „Vorzimmer“ seiner Wunderkammer.

400 Spielzeugtiere von sowjetischen Gestaltern aus den 50er bis 80er Jahren

Das Berliner Paar Köpcke & Weinhold habe es, erzählt Olbricht bewundernd, in nur fünf Jahren zum „Zoo Moskwa“ gebracht, das sind mehr als 400 Spielzeugtiere von sowjetischen Gestaltern aus den Fünfziger- bis Achtziger-Jahren, vornehmlich der Leningrader Schule. Die hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg, mitten in der Ära des Stalinismus, einem erneuten Aufbruch in die Moderne verschrieben, wie schon um 1920 die Avantgarde.

Waren die frühen Spielzeugtiere aus russischen Märchen, etwa das „Bucklige Pferdchen“, „Wolf und Hase“, Braunbär Mischka und auch die Eisbären noch aus Keramik, Gips oder Zelluloid gemacht, eroberte preiswerte farbige Plaste rasch den industriellen Spielzeugmarkt. Der Zeitgeist hielt Einzug in die Designer-Studios – und Lew Razumowskys rote Affen oder Lew Smorgons gelbe „Rehe“ vollführen einen übermütigen Reihentanz. Zusammen mit Kollegen formte Valeri Kotow in den Sechzigern einen „Zug der Evolution“, den der Kosmonaut Juri Gagarin anführt und an dessen Ende ein winziges grünes Krokodil versucht, den Anschluss an den Fortschritt nicht zu verpassen.

Galina Sokolowas „Mädchen mit Hund“ folgt im Design der frühen Sechzigerjahre noch ganz dem Kindchenschema und ist aus Gummi. Und Smorgons gelb-rote Plaste-„Giraffen“ aus den Siebzigern könnten Pate gestanden haben für die berühmten Pop-Art-Hunde des Amerikaners Jeff Koons, wie auch Tamara Fedorowas „Löwen“ schon um 1970 den Disney-Zeichentrickfilm „König der Löwen“ von 1994 vorweggenommen zu haben scheinen. Kunst kommt eben oft aus Kunst und ist nicht national und schon gar nicht in politischen Systemen zu verankern.

Thomas Olbricht mit seinem, wie er es sagt, „schrägen Kunstempfinden“, ist glücklich, wenn in sein Ausstellungshaus viele Kinder und Jugendliche kommen und sich noch wundern und staunen können. Eben eben auch über diesen Moskauer Spielzeug-Zoo – vom Krustentier und Frosch bis zum Kosmonauten.

me Collectors Room Berlin/Stiftung Olbricht, Auguststr. 68, Mitte. Mi–Mo 12–18 Uhr.