Katzenfilme garantieren in den sozialen Netzwerken stets beste Quoten. Warum soll das nicht auch auf der Kinoleinwand funktionieren?

Die Idee der in Istanbul geborenen, inzwischen in Los Angeles lebenden Regisseurin Ceyda Torun, 40, ist jedenfalls so schlicht wie genial: Die Kamera folgt sieben der schätzungsweise 100.000 herrenlosen Straßenkatzen, die Toruns Heimatstadt bevölkern: durch kleine Gassen und verlassene Keller, über Häfen und Märkte und selbst über die Dächer der Metropole am Bosporus.

In den USA spielte „Kedi – Von Katzen und Menschen“ sensationelle 2,8 Millionen Dollar ein. Das Filmportal IndieWire pries den Film als „das Citizen Kane der Katzen-Dokumentationen“. Passend zum Weltkatzentag am 8. August kommt das Wunderwerk in dieser Woche auch in die deutschen Kinos.

Frau Torun, kennen Sie nicht die Warnung von W.C. Fields, wonach man niemals mit Kindern oder Tieren drehen sollte?

Die Warnung ist mir natürlich bekannt. Allerdings haben wir ja keinen Spielfilm gedreht, in denen die Katzen nach unseren Anweisungen irgendwas Possierliches anstellen sollten, sondern eine Dokumentation über die Tiere. Das ist eine ganz andere Art des Arbeitens.

Wie viel Katzenminze haben Sie benötigt, um Ihre Protagonisten vor die Kamera zu bekommen?

Wir haben das nie benötigt. Wir hatten von Anfang an ein klares Konzept, wie wir den Katzen begegnen. Wenn sie weglaufen, haben wir gar nicht erst versucht, sie zu filmen. Wir haben nach Katzen gesucht, die keine Scheu vor der Kamera haben und sich bei uns wohlfühlten. Unsere Probleme bestanden eher darin, dass die Katzen gerne versuchten, sich auf meinen Schoß zu setzen. Dass sie ihren Kopf an der Kamera gerieben haben. Oder einfach sehr lange nur dasaßen und sich ableckten.

Wie bekamen Sie die Tiere zur Action?

Zu unserem Glück sind Straßenkatzen ständig aktiv und machen selten eine Pause. Zudem sind es Tiere, deren Tagesabläufe meist einer Routine folgen. Viele Dinge wiederholen sich bei ihnen, darauf kann man setzen.

Die Katzen haben allesamt Namen, die wildeste heißt Psikopat.

Zu mir war Psikopat immer freundlich, die weibliche Energie gefiel ihr offensichtlich gut. Weniger entspannt war ihr Verhältnis zu unserem Kameramann. Das konnten wir aber immerhin für eine Szene nutzen, in der sie mit ihren Tatzen nach ihm schlägt.

Wie kam es zu diesen Namen? Neben Psikopat, gibt es etwa auch Gentleman oder Schmetterling. Haben Sie die Tiere so getauft?

Unser Verleih in Amerika wollte, dass wir den Katzen diese Spitznamen geben. Die türkischen Namen, mit denen die Katzen gerufen werden, hätten zu fremdartig und verwirrend geklungen. Die einzige Katze ohne Namen ist jene, die als Rattenfängerin im Fischlokal zu erleben ist.

Es fällt auf, dass Sie den Menschen in Ihrem Film keine Namen geben.

Es ging uns nicht darum, wer diese Menschen sind, sondern vielmehr, wie ihr Verhältnis zu den Katzen aussieht. Wobei einige der Interviewpartner bekannte Journalisten, Philosophen oder Künstler sind, die viele türkische Zuschauer auch ohne Namen erkennen werden.

Haben Sie eine Theorie, weshalb Katzen-Videos im Internet so extrem populär sind ?

Zunächst entsprechen diese Clips im Internet unseren Sehgewohnheiten: Niemand hat mehr Zeit, sich lange komplizierte Dinge anzuschauen. Hinzukommt, dass jeder weiß, dass sich Katzen im Unterschied zu Hunden nicht manipulieren oder dressieren lassen, sondern völlig unabhängig sind. Zudem haben Katzen dieses niedliche Gesicht mit diesen eindrucksvollen, leuchtenden Augen. Und schließlich geht von diesen Tiere keine Bedrohung für uns aus, weil sie ziemlich klein sind.

Wie steht es um die gesundheitlichen Gefahren, die von den zahllosen Straßenkatzen in einer Großstadt ausgehen? So viele Parks wird es kaum geben, die als Katzenklo dienen könnten.

Die Zahl der Grünflächen schwindet tatsächlich, dennoch finden die Katzen immer Wege in die Natur. Auf den Straßen gibt es jedenfalls keine Exkremente. Es sind auch keine Fälle bekannt, wonach die Katzen zu gesundheitlichen Gefahren geworden wären. Unter den Tieren selbst gibt es allerdings Gesundheitsprobleme, die Tierschützern zunehmend Sorgen bereiten. Das ist ein wichtiges Thema, aber mir ging es zunächst einmal nur um das Verhältnis zwischen Katze und Mensch.

Sie verstehen Ihren Film auch als Liebesbrief an Ihre Geburtsstadt Istanbul. Wollten Sie eine Alternative bieten zu den James-Bond- und Jason-Bourne-Bildern der Bazare?

Ich liebe die großen internationalen Filme, die in Istanbul gedreht werden. Aber die zeigen eben immer nur dieselben Bilder, einmal abgesehen von Fatih Akin mit seiner Musikdoku „Crossing the Bridge“. Selbst Touristen, die für drei Tage nach Istanbul kommen, besuchen alle stets dieselben Orte. Deswegen war mir wichtig, einmal ein ganz anderes, authentisches Bild dieser Stadt zu präsentieren. Ich wollte Istanbul so zeigen, wie meine Familie und Freunde es lieben. Unser Fischlokal im Film würde ich jedem Besucher empfehlen – das ist mein Lieblingsrestaurant.

Die Lage in der Türkei hat sich seit Ihren Dreharbeiten drastisch verändert. Könnten Sie diesen Film heute noch so drehen?

Ich glaube, heute hätten wir größere Probleme, uns mit der Kamera frei zu bewegen und Drehgenehmigungen zu bekommen. Als wir den Film drehten, lagen die Gezi-Park-Demonstrationen gerade ein Jahr zurück. Auch damals schon machte man sich Sorgen über die Lage im Land. Dennoch konnte man noch ganz unbeschwert über ein Thema wie Katzen plaudern, das so gar nichts mit Politik zu tun hat. Das wirkte sehr befreiend. Ich weiß nicht, ob das heute noch so der Fall sein würde, wo über jedem eine größere Wolke schwebt.

In den stolzen Schleichern, die sich von niemandem besitzen lassen, könnte man durchaus eine gewisse Symbolik sehen.

Es ging mir nicht darum, einen politischen Film zu machen. Ich wollte eine zeitlose Dokumentation. Wenn man sich den Film in dreißig Jahren anschaut, sollen die Zuschauer eine Seite von Istanbul erleben, die sie in Archivbildern nicht sehen.

Just in jener Szene, als sich die rötliche Katze mit dem schwarz-weißen Rivalen einen heftigen Revierkampf liefert, sieht man im Hintergrund deutlich das Graffito „Erdo-Gone“.

Solche Graffiti waren nach den Gezi-Protesten überall zu sehen. Zur Zeit unseres Drehs gehörte das zum Straßenbild von Istanbul, das wollte ich nicht ignorieren.

Sie leben mittlerweile in den USA – haben Sie dort eine Hauskatze?

Nein, mir missfällt der Gedanke, eine Katze im Haus zu halten. Aber ich arbeite an dem Plan, dass wir mit mehreren Nachbarn eine Gemeinschaftskatze anschaffen, die wir uns dann teilen.

Was erhoffen Sie sich beim Publikum mit Ihrem Film?

Ich hoffe, dass der Film sich für den Zuschauer anfühlt, als hätte sich gerade unerwartet eine inbrünstig schnurrende Katze auf seinen Schoß gekuschelt. Während man ihr sanft über den Rücken streichelt wird man gezwungen, über Dinge nachzudenken – einfach weil man sich nicht bewegen kann, ohne diese Weichheit und Wärme zu verlieren.