In Büchern kann viel passieren. In Beka Adamaschwilis Buch stirbt jeder
Illustration:   Imago images/Oscar Armelles

Das abenteuerlichste Buch für Menschen, die gern und viel lesen, stammt von Beka Adamaschwili. Es heißt: „In diesem Buch stirbt jeder“ und ist eine wilde Reise durch die Geschichte und Gegenwart von Literatur und Philosophie - ein Namedropping und Werke-Raten, ein Spaß, der einen selten ermüdet und meist hervorragend amüsant ist.

Buchstäblich von Anfang an unterhält der bei Voland & Quist erschienene Band des 1990 geborenen Georgiers Adamaschwili. Auf dem Titel gibt es neun 2-Euro-Stück-große silberne Punkte, die man freirubbeln kann. Schon darunter zeigt sich die Spannweite des Humors von Nonsens bis zum schwarzen Umgang mit Geschichte. Innen geht es gleich weiter. Die Widmung nach dem Titel wendet sich zunächst freundlich an die Menschen, die gerne Bücher auf Facebook, Instagram oder Twitter empfehlen, auf der folgenden Seite kommt dazu noch eine Pointe.

Der Autor hat vor keinen Heroen Respekt, bindet sie alle ein in seine Groteske, die stets mit den Einordnungsversuchen der Literaturkritik und -wissenschaft spielt. Seine Romanfigur Memento Mori („Gedenke des Todes“) jagt er zu großen Schauplätzen von Shakespeare bis Kafka und Hemingway. Selbst die Erde selbst wird in Frage gestellt, ob sie nicht bloß ein ausgedachter Planet sei.

Es gibt eine Handlung und neben Memento Mori noch zwei Hauptfiguren. Da ist die feministische Leserin Lea. Als Maßstab für Schwierigkeiten sieht sie, „Houellebecqs Nachnamen gleich bei ersten Mal fehlerfrei zu schreiben“. Und da ist Professor Arno, der mit H.G.Wells‘ Zeitmaschine reisen will und dabei Johannes Gutenberg und Mark Zuckerberg zusammenzählt: „zwei ,Berge‘, zwei Höhepunkte der informationstechnischen Entwicklung der Menschheit“.

Im Verlauf taucht auch Sören Kierkegaard auf, mit einer Fußnote bedacht, derzufolge er „keine grundlegende Bedeutung für die Erzählung“ hat. Über Lea dagegen heißt es, ihre „Gedanken konnte jeder lesen, der dieses Buch auf einer passenden Seite aufschlug“. Der Autor verulkt also sogar sein eigenes Werk. In einem Theaterstück tritt Memento Mori gegenüber Wladimir und Estragon als Godot auf. Die sind ob ihres langen Wartens völlig geplättet, und er sagt: „Ich stand im Stau.“

Beka Adamaschwili, für die deutsche Leserschaft entdeckt durch den Buchmesseschwerpunkt Georgien vor zwei Jahren (mit dem Roman „Bestseller“) ist ein Spieler, offensichtlich ein Kenner der Literaturgeschichte. Man kann ja nur verwursten, was einem einigermaßen vertraut ist. Bildende Kunst (ob Pablo Picasso oder Pablo Escobar) und Film nimmt er auch noch mit auf in seinen Abenteuerroman, der zu guter Letzt nicht einfach nur einen Schluss hat, sondern zwei verschiedene. Nicht unerwähnt bleiben darf, dass die Übersetzerin Sybilla Heinze Großes geleistet hat, all die Witze und Anspielungen, Verdrehungen und Fußnoten so zu übertragen, dass Verwirrung und Vergnügen hier eine Art fröhliche Allianz bilden.

Beka Adamaschwili: In diesem Buch stirbt jeder. Aus dem Georgischen von Sybilla Heinze. Voland & Quist Berlin/ Dresden 2020. 206 S., 25 Euro.