Als ich im Juli 1989 mit einigen Kommilitonen nach Moskau reiste, schien dies eine Fahrt ins Glück zu sein. Wir studierten Journalistik in Leipzig und fürchteten uns vor der Praxis. Zeitungen und Rundfunk in der DDR wurden von der Abteilung Agitation und Propaganda des ZK der SED angeleitet und gegängelt. Die Dozenten an der Universität lehrten zwar manches nützliche Handwerkszeug, sie waren aber vor allem angehalten, uns Parteilichkeit mit der Sache des Sozialismus zu vermitteln. In der Sowjetunion hatte Michail Gorbatschow mit Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umbau) eine Demokratisierung der Gesellschaft beschlossen, was die DDR-Führung zu ignorieren versuchte. Ich hatte mir ein Diplomarbeitsthema in diesem Sinne gesucht: „Die Rolle von Schriftstellern bei der Diskussion gesellschaftlicher Fragen.“ Und ich war dann kaum in der Fakultät für Journalistik, dafür oft in der Redaktion der Literaturnaja Gaseta und viel in der Stadt und im Land unterwegs. Nachts schrieb ich Briefe nach Hause. Meine Eltern, mein Bruder und viele Freunde antworteten rege.