Die wohl weltweit größte Sammlung von Alltagsgegenständen der DDR befindet sich in Culver City bei Los Angeles. Es besitzt etwa 100.000 Artefakte aus der DDR und dem Ostblock, aus der Zeit des Kalten Krieges. Man kann hier in Speisekarten untergegangener Staaten lesen, den „Knobelkasten Knifflig“ aus der DDR wiederentdecken, in Modezeitschriften blättern. Nirgendwo sonst kann man so tief eintauchen in diese untergegangene Welt als ausgerechnet in Kalifornien. Es ist dies der Verdienst von Justinian Jampol, der diese Dinge vom Jahr 2000 an gesammelt und 2002 das Wende Museum gegründet hat. Nun ist im Taschen Verlag ein Buch erschienen, das einen Ausschnitt aus der DDR-Sammlung des Museums zeigt.

Das Wende Museum liegt so weit entfernt von der Geschichte der Weltgegend, die es zeigt. Warum sind Sie ausgerechnet hier gelandet?

Als ich die Idee mit dem Museum hatte, damals als Student, dachte ich, es müsste in Berlin sein, oder in England. Aber da muss ich eine ökonomische Weisheit zitieren: Man fängt nicht dort ein Geschäft an, wo diese Art von Geschäft gerade zugrunde geht. In England und Deutschland haben die mich zudem immer gefragt: Was ist dein Konzept? Und ich hatte keins.

Sie waren auch sehr jung.

Tatsächlich, ich war 24, ein kleiner Amerikaner.

Sie wurden wahrscheinlich nicht ernst genommen.

Oh ja. Die dachten, ich sei verrückt. Aber in L.A. sind die Leute daran gewöhnt, mit irgendwelchen Projekten behelligt zu werden. Ich habe zum Beispiel einfach den Direktor des Getty-Museums angerufen, und er meinte, hey, komm nach L.A., wir helfen dir. Ich kannte den nicht mal. Und als ich dann dort war, habe ich in der Schlange bei Starbucks einen Typen getroffen, der meine Sammlung kostenlos verschifft hat.

Trotzdem, Sie sind nicht nur geografisch weit weg, sondern auch psychologisch.

Für Menschen, die eine komplizierte Beziehung zu dem haben, was sie sammeln, ist die Entfernung ein Vorteil. Es gibt Leute, die Angst haben, dass ihre Vergangenheit auffliegen könnte, Grenzschützer zum Beispiel oder Stasiagenten. Andererseits wollen sie nicht etwas wegwerfen, das für sie wichtig ist.

Woher kommt eigentlich Ihre Sammelleidenschaft?

Ich habe zur Jahrtausendwende in Oxford studiert und war 2001/2002 als Austauschstudent in Moskau. Ich interessiere mich für visuelle Kultur. Und für einen Historiker gibt nichts Interessanteres, als Teil eines historischen Prozesses zu sein. Ich bin in Museen und Archive in ganz Osteuropa gegangen, ich habe Brigadebücher, Alben von Leuten bekommen, die sie auf ihrem Dachboden hatten. Für einen Historiker ist das eine Goldmine. Unsere ersten Sammlungen kamen von Museen, die Material ausrangiert hatten. An einem bestimmten Punkt ändert sich die offizielle Art und Weise, wie die Geschichte erzählt wird. Etwas Alltägliches gilt plötzlich als Propaganda oder als Kitsch.

Sie haben auch eine riesige Sammlung osteuropäischer Speisekarten. Wollen die Leute in Los Angeles wirklich wissen, was ein ostdeutsches Jägerschnitzel ist?

Speisekarten sind eigentlich keine Museumsstücke. Aber sie geben Auskunft darüber, was für Zutaten zur Verfügung standen und wie sie zubereitet wurden, wie die Gerichte hießen, und was sie kosteten. Die Karten sind ästhetisch aufbereitet. Auch das hat mit Kultur zu tun und mit Politik.

Derzeit bekommen Sie viel Material aus Ungarn. Wie kommt das?

In Ungarn gibt es eine rechte, nationalistische Regierung. Sie sagen, dass alles, was zwischen 1945 und 1989 produziert worden ist, nicht authentisch ist. Weil es von der Sowjetunion aufgezwungen wurde. Deshalb wollen sie die gesamte Kunst aus dieser Zeit loswerden. Sie wollen sogar die Archive der Geheimpolizei vernichten. Das Material steht oft für etwas größeres, für Spannungen. In Lettland gab es ein Archiv der Roten Armee. Die Letten wollten vergangenes Jahr 3000 Poster verbrennen. Wegen der antirussischen Stimmung wollten sie dieses Archiv nicht mehr unterhalten.

Woher wussten Sie davon?

Wir haben 15 Scouts in diesen Ländern, in Lettland, Georgien, Russland, Ungarn, Deutschland. Wir versuchen die Leute davon zu überzeugen, dass es nicht so gut aussieht, etwas zu zerstören, zu verbrennen. Manchmal funktioniert das und manchmal nicht. Manchmal ist es ein Vorteil, dass wir in Los Angeles sitzen. Für sie ist das so weit weg wie der Mond. Wenn man will, dass die Sachen einfach weg sind, kann man sie auch nach Kalifornien geben. Wir haben also diese 3000 Poster nach L.A. gebracht und ein Jahr später hat jemand eine Dissertation über diese Sammlung geschrieben.

1990 haben die Ostdeutschen auch viel entsorgt. Es wurde in dem Jahr dreimal so viel Abfall erzeugt wie in Westdeutschland, vieles davon war Kulturgut. Vieles, was nicht auf dem in der Müll landete, tauchte später auf auf Flohmärkten auf. Waren Sie dort auch unterwegs?

Flohmärkte sind gut für politisches Material, das haben wir auch. Aber persönliches Material, Fotoalben, Familienalben, private Filme – dafür muss man in persönliche Beziehungen investieren. Und diese Beziehungen, die über Jahre hinweg aufgebaut worden sind, sind unser größtes Kapital. Wenn man seine Sammlung nur in einer bestimmten Weise aufbaut, nur bestimmte Quellen nutzt, dann ist die Sammlung am Ende eher eine Reflexion dieser Methode. Dann hat sie zum Beispiel einen Flohmarkt-Look. Es ist lange her, dass wir etwas vom Flohmarkt gekauft haben. Wir konzentrieren uns lieber auf Dinge, mit denen sich ein bestimmtes Projekt realisieren lässt, eine Ausstellung, ein Buch, ein Film. Es gibt so viel da draußen zu entdecken.

Verlassen Sie sich beim Sammeln allein auf Ihre Scouts?

Die beste Sammlungen kommen von Leuten, die ihr Leben einer Sache gewidmet haben, einer Alternativkultur, der Dissidentenbewegung, Musik, Theater. Wir versuchen, Menschen mit solchen Leidenschaften zu finden. Oft bekommt man dann eine komplette Sammlung, wie sie kein Museum hat, und wie man sie nur in 20 Jahren zusammentragen kann. Und der Sammler hat die Gewissheit, dass seine Sammlung an einen Ort kommt, wo jedermann sie sehen kann. Es gibt zum Beispiel eine Wissenschaftlerin, die sich mit Gegenkultur in der Sowjetunion beschäftigt und eine große Hippie-Sammlung entdeckt hat. Alles handgemacht, Kleidung, Stickereien, selbstgemalte Plattenhüllen, Mixkassetten, Filme. Sie ist jetzt in Russland und bereitet den Transport nach L.A. vor.

Ich habe gelesen, dass Sie dieses Jahr in ein neues Gebäude in Culver City gezogen sind. Warum?

Es ist eine ehemalige Waffenkammer der Nationalgarde aus dem Jahr 1949. Und nun beherbergt es unsere Sammlung. Das ist wie ein ultimativer Abschluss des Kalten Krieges. Es gibt zwei Bunker, in denen man den atomaren Erstschlag überleben wollte. Wenn man das sieht, begreift man, wie sehr wir auch Teil all dessen waren.

Ach, geht es Ihnen auch um die Geschichte der USA?

Es geht auf jeden Fall darum, die Amerikaner ein bisschen selbstreflexiver zu machen, was die Ära des Kalten Kriegs angeht, über die wir so viel zu wissen glauben. Das Haus ist der perfekte Ort, darüber nachzudenken, mitten in Culver City. Ich habe mich lange dafür interessiert, und dann ist die Nationalgarde ausgezogen, und ich habe eine neun Monate lang darum gekämpft. Jetzt haben wir das Gebäude für 75 Jahre bekommen – für einen Dollar. Allerdings müssen wir das Geld für die Renovierung aufbringen. Und der Verleger Benedikt Taschen ist einer unserer finanziellen Unterstützer, er hat auch an dem Design für das Gebäude mitgewirkt.

Was bedeutet das Buch für Sie?

Es ist nur ein kleiner Ausschnitt, so etwas wie ein Schnappschuss all dessen, was wir gesammelt haben. Dem Museum bietet das Buch ein internationales Forum. Die Autoren sind aus Holland, Deutschland, England, den USA. Es ist ein Wendepunkt für uns, ein Coming Out.

Das Gespräch führte Susanne Lenz.

Jenseits der Mauer: Kunst und Alltagsgegenstände aus der DDR. Die DDR-Sammlung des Wende Museums. Deutsch/ Englisch. Hrsg. Justinian Jampol. Taschen, Köln 2014. 904 Seiten, 99,99 Euro.