Demonstration auf dem Postplatz in Dresden 2014.
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Ein Mann kehrt zurück in den Ort seiner Kindheit. Kurt Drawert zieht als Stadtschreiber nach Dresden, vorübergehend. Regelmäßig besucht er seine alt gewordene Mutter, streift durch die Straßen, in denen er etwa ab dem zehnten Lebensjahr zu Hause war, denen er durch sein Studium am Literaturinstitut in Leipzig entfloh. Kurz nach der deutschen Vereinigung war er in den Westen gezogen, erst in die Nähe von Bremen, heute wohnt er in Darmstadt. Setzt er sich in der Stadtschreiberwohnung zum Arbeiten hin, kommen Bilder der Enttäuschung und der Demütigung in ihm hoch.

Sein Vater hatte einen Führungsposten bei der Kriminalpolizei, er selbst wiederum galt in der Schule und im Lehrbetrieb als renitent. Schon mit seinem ersten Roman „Spiegelland“, 1992 erschienen, suchte er dieses Vater-Land-Verhältnis zu beherrschen. 30 Jahre nach dem Ende der DDR schreibt er noch einmal von seiner „Systemfamilie“. Er stellt fest, wie sein Körper sich erinnert, wie sich Muster erhalten haben. „Dresden. Die zweite Zeit“ hat Kurt Drawert seine autobiografisch-soziologische Erkundung genannt. Das bei C.H. Beck erschienene Buch (294 S., 22 Euro) reißt manch betäubten Vereinigungsschmerz wieder auf.

Ein festes Wortpaar: Dresden und Pegida

„Ein System ist auf der Ebene seiner Instanzen und Institutionen schnell abgewickelt“, schreibt Kurt Drawert. „Seine Kultur aber, jener tiefe innere Text, der die Gewohnheiten und Codes einer kollektiven Verständigung prägte, wirkt fort, solange die Menschen, die sie verinnerlicht haben, noch leben.“ Und so sagt er auch, dass es die DDR noch gebe, „solange sie in uns, die sie erlebten, ihre Bilder, ihre Stimmungen und ihren Ton, ihre Sprache und ihre Gestalt behält“.

In Dresden erlebt er eine gewisse Zerrissenheit „zwischen links und rechts, arm und reich, Kunst und Kitsch, hohem Anspruch und Gewöhnlichkeit“. Mit seinem Blick von außen weiß er, dass „Dresden und Pegida“ mittlerweile ebenso verwoben sind „wie Dresden und Frauenkirche oder Dresden und Semperoper oder Dresden und Canaletto“. Es ist nicht mehr möglich, die Schönheit der wiederhergestellten Silhouette zu sehen, ohne zu hören, was zu ihren Füßen gerufen wird. Tiefer und tiefer geht der Autor in seiner Reflexion.

Er, der sich jahrzehntelang mit dem eigenen Vater auseinandergesetzt hat, ihm gegenüber schließlich milde gestimmt war, als der in Demenz verfiel, schreibt hier nun von „verpasstem Vatermord“: Bei einer Pegida-Versammlung sieht er Bilder von Ulbricht, Honecker und Merkel beieinander, hört auf der Straße „abgrundtiefen Hass gerade auf Angela Merkel“, den er sich damit erklärt, dass nach dem nicht eingelösten Versprechen von den blühenden Landschaften das „verpasste Nein!“ gegen die DDR wiederbelebt und nachgeholt würde.

In der Bibliothek all der Bücher, die sich mit dem gesellschaftlichen Umbruch seit 1989/90 auseinandersetzen, gebührt diesem ein ganz besonderer Platz. Der Autor erzählt keine Geschichten wie andere Autoren (und einige erzählen wunderbare Geschichten), er seziert sein eigenes Denken und Fühlen, seine Prägung durch die Verhältnisse. Dresden sei für ihn „ein Kraftfeld der Zeiten und Ereignisse“. Das ist natürlich nicht allgemeingültig, doch in Teilen werden in der DDR aufgewachsene Menschen sich – und andere – wiedererkennen. Wir können unsere eigenen Steinchen in Drawerts Mosaik lesen.

Wende, Revolution oder Refolution?

Ein anderer Roman, der rückblickend von einer Jugend in Dresden erzählt, spielte vor wenigen Tagen im neuen RBB-Studio 14 im Hochhaus an der Masurenallee eine Rolle. Zwei Redakteurinnen des Kulturradios und zwei Mitarbeiter des Literarischen Colloquiums Berlin (LCB) trafen sich zur Aufzeichnung einer Sendung für den Tag der deutschen Einheit. „Wenderomane – Wunsch oder Wirklichkeit?“ ist sie überschrieben, jeder hatte ein Buch dafür mitgebracht (Ausstrahlung 3.10., 17.04 Uhr, RBB Kultur).

Die in Magdeburg aufgewachsene Journalistin stellte Peter Richters Dresden-Roman „89/90“ als Zeitbild vor, in dem die Baseballschläger-Jugendlichen alle jagten, die irgendwie links aussahen. Ihre Kollegin, in West-Berlin geboren, hatte einen West-Blick ausgewählt, Stefanie de Velascos Roman „Kein Teil der Welt“, der vom Versuch einer Gruppe von Zeugen Jehovas erzählt, nach dem Mauerfall den Osten zu missionieren. Genauso wenig in eine gemeinsame Schublade passten die beiden anderen Bücher – Monika Marons „Endmoränen“ und „Brüder“ von Jackie Thomae.

Zunächst bemühten sich die Teilnehmer der Runde redlich um eine Begriffsbestimmung. Die begann bereits beim Wort „Wende“ für das unruhige, kurze Jahr zwischen Herbst 1989 und dem 3. Oktober 1990. Der Begriff wurde damals von Egon Krenz geprägt, beschrieb allerdings lediglich den Austausch der Riege der Allerältesten in der Partei- und Staatsführung gegen die Alten. Ein Fortschritt seiner Meinung nach, jedoch nicht ausreichend in den Augen jener, die am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz demonstrierten, etwa mit einer Krenz-Karikatur, Unterzeile: „Großmutter, warum hast du so große Zähne?“ Die Menschen wollten eine wirkliche Demokratie und „visafrei bis nach Schanghai“ reisen – auch so eine Losung von damals.

„Friedliche Revolution“ gilt als Alternative, um den Beginn zu beschreiben, „Beitritt“ und „Übernahme“ fallen oft anstelle der freundlicheren Formulierung „Vereinigung“. In der Runde kam man dann auf die Wortschöpfung des britischen Historikers Timothy Garton Ash, „Refolution“, welche Revolution und Reform verbindet, sich allerdings noch nicht so recht durchgesetzt hat. Jedes Rechtschreibprogramm stoppt dabei.

Wird von „Wendeliteratur“ gesprochen, so ist von Büchern die Rede, die jene Zeitspanne um 1989/90 zum Thema haben oder mit ihr beginnen und von der darauffolgenden Veränderung erzählen. Neben Drawerts „Dresden. Die zweite Zeit“ sind allein in diesem Jahr sehr gute und sehr verschiedene Bücher erschienen, die sich dem zuordnen ließen.

Das Thema bleibt

Auch in „Elbwärts“ von Thilo Krause gibt es eine Wiederbegegnung mit der Gegend des Aufwachsens, jedoch stärker fiktionalisiert. Der mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnete Roman „Stern 111“ von Lutz Seiler führt einen in die Unordnung der frühen Neunziger im Berliner Osten. „Johnny Ohneland“ von Judith Zander hat die gleiche Handlungszeit, startet jedoch in der vorpommerschen Provinz und zieht daraufhin in die Welt hinaus. Ingo Schulzes „Die rechtschaffenen Mörder“ folgt der Wandlung eines Mannes vom Dissidenten zum Treudeutschen – mit einem dreifachen Erzähltrick. Und Olivia Wenzel spürt in „1000 Serpentinen Angst“ die Nachwirkungen des unterdrückten Rassismus in der DDR auf.

In den 90er-Jahren warteten westdeutsche Journalisten gespannt auf den „Wenderoman“. 1995 gab es dann mindestens vier: zwei komische, nämlich Thomas Brussigs „Helden wie wir“ und den „Zimmerspringbrunnen“ von Jens Sparschuh. Und zwei ernste, mit Bildungsauftrag: Erich Loests „Nikolaikirche“ und Günter Grass’ „Ein weites Feld“. Dann war erst mal Ruhe, doch wann immer die Jahrestage sich rundeten, kam die Frage nach jener Sorte Buch wieder auf.

Was ist der beste Wenderoman? Nun, im vergangenen Jahr hat die Antwort darauf Jan Brandt gegeben. Sein Buch „Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt“, passend zu Gentrifizierungs- und Heimat-Debatten, hat etwas, was die anderen nicht auszeichnet: Man kann es wenden und von vorn lesen. Der Doppel-Roman ist von zwei Seiten gedruckt. Und so unterschiedlich beide Teile sind: Sie gehören doch zusammen.