Zu Dieudonné fiel einem Zeitgenossen einst folgende Definition ein: „Das ist doch ein schwarzer Nazi. Der Typ trieft vor Hass, er wird sich mit seinen Negergeschichten noch etwas einbrocken.“

Der Zeitgenosse war er selbst. Dieudonné M’Bala M’Bala, Sohn einer bretonischen Soziologin und eines kamerunesischen Buchhalters, frotzelte in seiner Show weiter, während sich die Zuschauer vor Lachen krümmten: „Hoffentlich sind die Mikros abgeschaltet. Ich muss aufpassen, was ich sage, ich wurde schon mit Hitler verglichen. Das ist nicht lustig.“

Geldbuße oder Haftstrafe

Ist das lustig? Als der Attentäter Ahmedy Coulibaly im Januar nach dem Terrorangriff auf das Satireblatt Charlie Hebdo in einem jüdischen Supermarkt in Paris Geiseln nahm und vier von ihnen erschoss, twitterte Dieudonné: „Je suis Charlie Coulibaly“. Der Humorist mit dem dämonischen Grinsen kam wegen „apologie du terrorisme“ (Terrorverherrlichung) in U-Haft, dann auf die Anklagebank. Am Mittwoch ergeht das Urteil. Juristen erwarten eine Verurteilung in Form einer Geldbuße oder gar Haftstrafe.

Die meist jugendlichen Fans des 49-Jährigen beklagen sich, ihr Idol erhalte von der Zensur einen Maulkorb verpasst; die unflätigen Charlie-Zeichner könnten sich hingegen alles erlauben. „Warum darf Dieudo nicht, was Charlie darf?“, fragen sie im Internet. Die Kritik stammt vor allem aus den Vorstadtzonen, die an der riesigen Pariser Solidaritätskundgebung für die 17 Attentatsopfer kaum vertreten waren.

Der Einwand der Ungleichbehandlung fällt in Frankreich auf fruchtbaren Boden. Darin äußert sich das verbreitete Gefühl der Diskriminierung, das so viele Migrantenkinder kennen. Unbestreitbar ist: Die Charlie-Satire ist so unzimperlich wie die von Dieudonné. Ebenso grob, takt- und respektlos. Doch französische Satire muss nicht unbedingt humorvoll sein. Dafür subversiv und schamlos. Nach dem Weltkrieg pries der Komiker Pierre Desproges Frankreichs Nazi-Kollaboration spöttisch als „schönstes Beispiel der deutsch-französischen Freundschaft“. Coluche, der Archetyp des meckernden Franzosen mit dem großen Herz, kalauerte politisch unkorrekt: „Kein Alkohol am Steuer – Sie könnten ihn ausschütten.“

Und Charlie Hebdo ging 1970 aus dem legendären Magazin Hara-Kiri hervor, das sich im Untertitel „bête et méchant“ nannte. „Dumm und gemein“ wie es war, verspottete es – heute unvorstellbar – Behinderte, Kinder und Vergewaltigungsopfer, während es Päderasten, Folterer und Machos glorifizierte.

Lachen über den Tod von Charles de Gaulle

Natürlich nicht wirklich: Hara-Kiri war „deuxième degré“, Humor der zweiten Ebene. Untergrundsatire eben, Bürgerschreck von A bis Z. Das erste Titelbild von 1960 enthüllte das „Sexualleben des Ayatollah“ neben einer aufblasbaren Puppe; das letzte Cover von 1970 machte sich über den Tod des Nationalhelden Charles de Gaulle lustig: „Tragischer Ball, ein Toter.“ Darauf wurde Hara-Kiri von der Regierung verboten. Also gründeten die Anarcho-Revolutionäre „Charlie“, dessen Name seinerseits eine de Gaulle-Verulkung der zweiten Ebene ist.

Dieudonné wurde schon mehr als ein Dutzend Mal wegen Beleidigung, Antisemitismus oder Rassenhass verurteilt. Einmal holte er den notorischen Holocaust-Leugner Robert Faurisson auf die Bühne und ließ ihm durch einen als KZ-Häftling verkleideten Mitarbeiter eine Medaille verleihen. Ein anderes Mal trällerte er ein schwungvolles Chanson namens „Shoananas“ – ein Wortspiel aus Shoah und Ananas, das zusammengezogen etwa mit „Shoah-Girls“ zu übersetzen wäre.

Darin liegt der entscheidende Unterschied. Charlie Hebdo pocht mit seinen Mohammed-Karikaturen auf die Denkfreiheit, ist aber nie islamophob. „Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen der Freiheit zur Frechheit und Antisemitismus, Rassismus, Terrorverherrlichung und Negationismus“, erklärte der französische Premierminister Manuel Valls. Dann ließ er den stämmigen Komiker nach dessen Charlie-Coulibaly-Gezwitscher einfach einsperren. Doch Dieudonné kam nach ein paar Stunden wieder frei.

Noch ein Register beherrscht Dieudonné meisterlich: Während er über die Juden und die „eingeborenen“ Franzosen herzieht, spricht er den muslimischen Einwandererjungs unter seinen Fans aus dem Herzen, indem er deren Benachteiligung bei der Arbeits- oder Wohnungssuche thematisiert. Dem katholisch erzogenen Humoristen ist Religion und der Islam im Grunde genommen so unwichtig wie den Charlie-Machern. Ihm geht es auch nicht um die Meinungsfreiheit. Sein Steckenpferd, ist die „Opferkonkurrenz“ von Holocaust und Sklaverei. Darauf reitet er herum, obwohl Frankreich 2006 einen Gedenktag für die Abschaffung der Sklaverei eingeführt hat. Sogar Auschwitz ist für Dieudonné heute pure „Gedenk-Pornografie“.

Die Gräben werden tiefer

Mit solchen Vergleichen nährt er billige Neidreflexe und treibt einen Keil in die französische Gesellschaft. Der Riss verläuft entlang der Debatte um den Sinn oder Unsinn der Mohammed-Karikaturen: Diese beruhten auf „westlichem“ Denken und missachteten die Gefühle der Muslime, behaupten Dieudo-Anhänger. Für die Facebookseite „Je suis toujours Charlie“ gibt es in Frankreich 197.000 hoch gehaltene Daumen, für „Je ne suis pas Charlie“ 47.000. Auch darin äußert sich die urbanistische und soziale Kluft zwischen den Banlieue-Ghettos und dem übrigen Frankreich. Dieudonné schaufelt fleißig Erde aus dem Graben. Und die Regierung schaufelt mit, indem sie ihm Mund- und Saalverbote erteilt und dafür sorgt, dass er für sein Bonmot „Charlie Coulibaly“ bestraft wird.