Muss Hosen tragen: Bundesaußenminister Heiko Maas bei einer Videokonferenz. 
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BerlinEine Sache, die das Virus mit sich bringt, ist die Kommunikationsform der Videokonferenz. Ja, leider. Jedes Mal, wenn ich irgendwo zugeschaltet werde, und mein Gesicht auf dem Laptop-Monitor sehe, denke ich: Mein Gott, wie siehst du denn aus? Blass, knitterig, Augenringe. Zum Glück sehen die anderen genauso aus. Frisurenlos und leicht verwildert, weil die Frisöre ja nicht geöffnet haben, und manchmal frage ich mich auch, wenn ich die Kollegen im Homeoffice sehe: Tragen wirklich alle gerade Hosen?

Auch im Fernsehen gibt es jetzt ständig Videokonferenzen. Mit Experten, Korrespondenten oder: als Fernsehshow. Vor ein paar Tagen sah ich die „Quarantäne-WG“ mit Günther Jauch, Thomas Gottschalk und Oliver Pocher. Alle drei saßen zu Hause vor ihren wackeligen Laptop-Kameras, die Gesichter schlecht ausgeleuchtet, im Hintergrund weiße Wohnungswände, und dann sprachen sie darüber ... tja, wie es ihnen so geht.

Mir tun die Kinder leid

„In diesen Zeiten.“ Eine Corona-Phrase, die ich nicht mehr hören mag. Warum können die Fernsehsender jetzt nicht einfach ständig Filme zeigen? So wie an Weihnachten. Meinetwegen auch noch mal alle Folgen von „Dalli Dalli“ mit Hans Rosenthal. Oder die WM-Finals seit 1934. Oder „Ein Colt für alle Fälle“. Oder „Western von Gestern“. Oder „Willi Schwabes Rumpelkammer“. ALLES ist besser als dieses Videokonferenzen-Fernsehen.  

Was auch nervt: Wenn Leute sagen oder Journalisten schreiben, dass Corona ja auch sein Gutes hat. Zum Beispiel die Umweltbilanz. Der CO2-Ausstoß ist jetzt viel geringer, jubelte vor kurzem eine Autorin in einem Artikel. Kaum noch Flugzeuge in der Luft, weniger Autos auf den Straßen. Dieser Dame würde ich gerne auf den hohlen Kopf klopfen und sagen: Ja, der körpereigene CO2-Ausstoß vieler Menschen in Italien oder Spanien ist jetzt leider auch geringer – die sind nämlich alle tot. Zuweilen sterben dort fast 1000 Menschen täglich, schon gehört? Leid tun mir auch die Kinder. Viele Eltern denken nämlich: Mein Kind ist ja zu Hause, da sollte es doch etwas lernen.

In den Top 100 der bestverkauften Bücher auf Amazon stehen zurzeit fast ausnahmslos Bücher über Kindererziehung oder Kinderbeschäftigung. Platz 4: „Logisches Denken, rätseln & knobeln“. Platz 10: „Rätselblock. Ab 5 Jahre“. Platz 20: „Rätselblock. Ab 6 Jahre“. Platz 27: „Rätselblock. Ab 10 Jahre“. Was soll denn dieses ganze Gerätsel? Sind Rätselhefte nicht eher etwas für Rentner? Oder sitzen jetzt auch schon die Kinder mit einem alten Kugelschreiber und einem Kännchen Filterkaffee zu Hause, und stellen sich, zum Klang der alten Kuckucksuhr, Fragen wie: „Ist es in Japan möglich, dass ein Mann die Schwester seiner Witwe heiratet?“

Wahrscheinlich gibt es bald wieder Fluchthelfer

Vor ein paar Tagen sah ich dann ein Flugzeug am Himmel. Es zog einsam, lautlos und wunderschön über den blauen Himmel. Sofort wollte ich wieder reisen, wollte hinaus in die Welt ziehen. Aber zurzeit kommt man ja nicht mal mehr nach Mecklenburg-Vorpommern. Rügen ist dicht. Usedom ist dicht. Wahrscheinlich gibt es auch bald wieder Fluchthelfer, die einen nachts über die Grenze schmuggeln.

Ironischerweise war ja der Traum vom reduzierten Leben zuletzt in Deutschland sehr en vogue. Vor allem bei denen, die schon alles hatten. Weniger Konsum! Fasten! Entschleunigen! Weniger fliegen! Urlaub zu Hause! Mehr Zeit für Familie und Kinder! Homeoffice! Jetzt wird all das plötzlich Realität, und man merkt: Was für ein freudloser Scheiß.

Worüber in diesen Tagen kaum geredet wird: Das „Covid“ eigentlich ein wunderschöner Kindername ist. Er klingt nordisch und edel. Der kleine Covid Gutsch. „Covid, komm mal her zu mir!“, würde ich rufen, und er rennt mir freudig entgegen. „Aber doch nicht so nahe, Covid!“, ermahne ich ihn mit väterlicher Strenge. Und denke: Ach, wenn Covid erst mal 19 ist – dann wird alles leichter.