Vor einem Jahr noch stand bei vielen auf der inneren Liste der Selbstfürsorge ganz oben und mit sehnsüchtigem Ausrufezeichen: Einmal im Advent nicht von Feier zu Feier hetzen, sondern mehr Zeit für sich haben! Nun hat man sie und kann, wenn man durch das inzwischen wöchentlich geputzte Fenster in die schon ab nachmittags tiefdunkle Welt hinausschaut und dabei nur das eigene Gesicht zu sehen bekommt, sich ungeniert so lange ins eigene Auge schauen, wie man mag. Oder Videos für YouTube aufnehmen oder was man als gelernter Millenniumsnarzisst noch so für Möglichkeiten hat, sich auch ohne direkten Publikumskontakt hervorzuheben.

Eine Bekannte filmte sich neulich beim Meditieren, eine andere verschickt Sprachnachrichten, in denen sie minutiös dokumentiert, wie sie ihre Wohnung ausmistet. „Die dritte Welle wird eine Welle psychischer Krankheiten sein“, sagte der slowenische Philosoph Slavoj Zizek vor ein paar Tagen in einem Interview in dieser Zeitung. In der Tat erlebt so manche kleine Marotte, mit der sich ein Mensch im normal funktionierenden Alltag von anderen sonst sympathisch unterscheidet, in diesen Wochen einen bedenklichen Wachstumsschub. Nur die echten Ansteckungsphobiker, ausgerechnet!, können sich zumindest etwas entspannen, da die AHA-Regel für sie schon lange überfällig ist und jetzt endlich niemand mehr komisch guckt, wenn sie sich beim Klinkendrücken rasch und geübt den Pulloverärmel über die Hand ziehen.

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