Allein in einem Hotelbett in der Provinz, nur in Gesellschaft einer Packung Schmerztabletten.
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BerlinDiese Kolumne muss leider ausfallen. Es geht nicht. Ich habe das Virus. Soll ich meine letzten Stunden mit dem Verfassen einer Kolumne verbringen? 

Das Virus kam nachts, im Schutze der Dunkelheit, heimtückisch wie es seine Art ist. Ich lag im Hotelbett und fror. Dann kam der Schüttelfrost. Es klingt immer so niedlich: Schüttelfrost. Aber es ist unheimlich, die Kontrolle über seinen Körper zu verlieren.
Unheimlich war auch die Geschwindigkeit: Am Abend stand ich noch auf der Bühne. Jetzt lag ich in einem Hotelbett in Bad Nauheim und starb. Bad Nauheim liegt in Hessen und ist dafür bekannt, dass Elvis Presley hier seinen Wehrdienst für die US-Army ableistete. Vor dem Haus in dem Elvis damals wohnte, steht eine kleine Gedenktafel, Fans legen dort immer Blumen ab. Wird man vor meiner Hoteltür auch Blumen ablegen, wenn das Virus gesiegt hat?, dachte ich in einem letzten Anflug von Eitelkeit.

Der Tod des Kleinkünstlers

Am Morgen hatte ich knapp 40 Grad Fieber. Ich rief meine Mutter an, weil ich dachte: Die Frau, die mich geboren hat, die mich unter Schmerzen aus ihrem Leib presste, soll noch einmal meine Stimme hören. Meine Mutter nahm nicht ab. Ich rief nun meine Frau an. Sie nahm ebenfalls nicht ab. Typisch, dachte ich. Das ist der Tod des Kleinkünstlers: einsam in einem knarzigen Mittelklasse-Hotelbett in der westdeutschen Provinz.

Ich rief bei der Rezeption an. Fragte nach Paracetamol-Tabletten. Kein Problem, hieß es. Die ortsansässige Apotheke wird sofort was rüberschicken. Zehn Minuten!, Herr Gutsch. Nach zehn Minuten rief der Mann von der Rezeption wieder an und sagte: Die Apotheke könne leider doch nichts rüberschicken. Aus „technischen Gründen“. Aber ich könnte problemlos selbst hingehen, die Apotheke sei ja gleich um die Ecke.

Mit Elvis wäre man nicht so umgegangen, dachte ich verbittert und wankte zur Apotheke, zittrig auf den Beinen. „Gleich um die Ecke“ ist eine Entfernung, die sich anfühlt wie „gleich am Ende der Welt“, wenn das Fieber in einem wütet.

Ich wünsche mir Schnupfen

Ich bekam das Paracetamol. Dazu gab mir die Apothekerin noch einen Mundschutz mit. „Damit Sie niemanden anstecken.“ War mir in diesem Moment total egal. Hatte jemand auf mich Rücksicht genommen? Und warum sollte ich alleine sterben?

Interessant war nun zu sehen, wie die Leute reagieren, wenn man hustend, schwitzend und mit Mundschutz unterwegs ist. Am Nachmittag fuhr ich mit der Bahn, ich musste zum nächsten Auftrittsort. Der Zug war voll, machmal wollte sich jemand neben mich setzen, ging im letzten Augenblick aber schnell weiter, als ich ihn mit Mundschutz und fiebrigem Blick anschaute.

Das letzte Mal, dass ich einen Mundschutz trug und Panik in den Augen anderer Menschen aufblitzte, ist ein paar Jahre her. Ich ging in die Notaufnahme eines Berliner Krankenhauses und sagte: Ich komme gerade aus dem Ausland und fühle mich sehr, sehr schlecht.
Welches Ausland?, fragte die Ärztin. Asien, sagte ich. Afghanistan.
Sofort wurde ich in einen Raum geführt, wo man mir einen Mundschutz aufsetzte und alle, die mich untersuchten, nun plötzlich auch einen Mundschutz trugen. Damals hatten alle große Angst vor dem Sars-Virus. Heute vor dem Corona-Virus.

Ich natürlich auch. In Internet las ich über die Corona-Symptome. Sie sind denen einer Grippe sehr ähnlich. Aber: Man hat keinen Schnupfen. Was soll ich sagen? Ich hatte alle Symptome einer Grippe. Aber keinen Schnupfen.

Ich lag im Hotelbett und wünschte mir zum ersten Mal in meinem Leben nichts so sehr wie: Schnupfen. Nervenden, triefenden, rotzigen, stets verschmähten, nie gewürdigten Schnupfen. Und dann, mitten in der Nacht, erwacht aus einem Fiebertraum, spürte ich plötzlich, dass meine Nase dicht war. Halleluja!