Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates. 
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BerlinGucken wir uns die Situation ruhig noch einmal an: Wenn Sie nicht ins Deutsche Theater oder ins Konzert gehen, wie zur Zeit, dann sind für eine Verlustrechnung nicht nur das ausbleibende Eintrittsgeld und die Tatsache relevant, dass die Künstler ihre bereits vereinbarten Gagen trotzdem bekommen müssen. Sondern es gibt ja auch Vorverabredungen, die noch nicht vertraglich abgesichert wurden. 

Und vor allem gibt es hinter den sichtbaren Künstlern eine lange, lange Reihe von Kulturschaffenden und auch aus anderen Bereichen Mit- und Zuarbeitenden, deren Existenz ganz schnell prekär wird, wenn sie vier oder womöglich noch mehr Wochen kein Geld einnehmen. Diese Reihe reicht vom freiberuflichen Maskenbildner bis zum Produktionsfotografen, vom Verleiher von Beleuchtungsmitteln bis zum Caterer oder Kartenabreißer im Kino. Die Filmwirtschaft geht nach ersten Schätzungen allein für die Kinos in Deutschland von Schäden in Höhe von 17 Millionen Euro pro Woche aus.

Geld gibt es genug, verspricht das Bundeswirtschaftsministerium

Olaf Zimmermann, der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, spricht von einer beispiellosen Situation: „Die notwendige Größenordnung sprengt alles, was wir bisher gehabt haben“, sagt er am Telefon. Noch steht nicht fest, wieviel Geld in die zwischen Bund und Ländern vereinbarten Nothilfefonds fließen wird.  Aber es muss sehr viel sein, und dass auf der Website des Bundeswirtschaftsministeriums steht, es sei „ genug Geld vorhanden, um die Krise zu bekämpfen“, ist in diesem Zusammenhang schon einmal beruhigend. Die Ansprüche der Staatsministerin für Kultur und Medien für ihren Bereich zumindest sind klar formuliert.

Berufe wie freie Museumskuratoren gab es früher nicht.

Olaf Zimmermann

„Wir sind ein Teil der großen Misere, und klar ist, dass Kulturschaffende andere Maßnahmen brauchen als die gewerbliche Wirtschaft", sagt Zimmermann, der die Geschäfte des Spitzenverbands der deutschen Kulturverbände seit 1997 führt. "Mit Krediten ist Freiberuflern in unserem Bereich nicht geholfen.“ Dass es sich in der jetzigen Situation bitter rächt, dass im Kulturbereich in den letzten 20 Jahren massives Outsourcing betrieben wurde, steht für ihn außer Frage. „Auch wenn bei uns unterm Strich doch weniger privatisiert wurde als anderswo - Berufe wie freie Museumskuratoren gab es früher nicht.“

Die Notfonds sollen nach den Vorstellungen des Kulturrates sowohl bei der Kulturstiftung des Bundes als auch bei der Kulturstiftung der Länder angesiedelt werden. Um wenigstens annähernd Verteilungsgerechtigkeit herzustellen, müssen Freiberufler vermutlich damit rechnen, ihre Einkommensverhältnisse in Vergleichszeiträumen und ihre Familien- und Vermögensverhältnisse in ihren Anträgen darzulegen. "Wenn einer seine Galerie schließen muss, aber fünf Mietshäuser besitzt, ist das natürlich zu berücksichtigen." Konkrete Tipps, wie den, sich mündlich getroffene Ansprachen schnell und möglichst detailreich zu notieren, findet man beispielsweise auf den Internetseiten von ver.di.

Nach der Pandemie wird nichts mehr sein wie vorher

„Ganz wichtig ist, dass wir jetzt mehrgleisig denken“, sagt Olaf Zimmermann. „Bund, Länder, Kommunen und auch private Stiftungen müssen zusammenlegen.“ Denn es gehe ja nicht nur darum, die Kulturschaffenden durch die Krise zu bringen, sondern sie auch bei der Stange zu halten. „Wenn wir diese Pandemie überstanden haben, wird nichts mehr so sein wie vorher. Wir werden über vieles neu nachdenken müssen. Darüber, wieviel Daseinsfürsorge wir uns leisten wollen. Und ob wir uns nicht zu sehr darauf verlassen haben, dass die Globalisierung uns trägt. Und für diese Diskussionen, für das Gespräch über unsere Verletzlichkeit, brauchen wir die Kultur nötiger als je zuvor.“

Olaf Zimmermann ist während des Telefonats draußen unterwegs, man hört Vögel zwitschern.  Da sein Terminkalender so frei ist wie seit Jahren nicht mehr, erlaubt er sich, mitten am Tag einen Spaziergang zu machen. „Das ist schon verrückt“, sagt er zum Abschluss. „Dass zu alldem so wunderbar die Sonne scheint!"