„Hass ist kein Gefühl", schreibt Manja Präkels in der besprochenen Anthologie. 
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WienDie österreichische Feministin Lydia Haider hat sich auf den aggressiven Wortschwall spezialisiert. Sie erkundet die hässlichen Seiten der Sprache, ihre Gewalt, Intensität, Energie. Nun bat sie 15 Frauen, ebenfalls ihren negativen Gefühlen freien Lauf zu lassen und machte daraus ein mit Stinkefinger verziertes zartrosa Buch: „Und wie wir hassen. 15 Hetzreden“.

Jede hat spezielle Aversionen: Gertraud Klemm hasst korrupte Politiker und ignorante Autofahrer, die Rechtsextremismus-Expertin Judith Goetz verachtet die Sauf- und Unterwerfungsrituale von Burschenschaftlern, die Künstlerin Ebow befasst sich auf rappende Weise mit einem  Rassismus, über den nach kurzer Aufregung über Hanau kaum noch jemand redet. Manche der Texte sind echte Tiraden. Ja, auch Feministinnen, Radlerinnen und Antirassistinnen können böse formulieren, das ist so neu nicht und macht die Welt nicht automatisch zu einem besseren Ort. Das wissen natürlich auch die geladenen Autorinnen, die ihren Arbeitsauftrag satirisch übertreiben, zelebrieren und sicher auch genießen, elegant umgehen oder einfach verweigern.

Wenn Stefanie Sargnagel uns einen Schwall Überdruss vor die Füße kippt, wenn Sibylle Berg von einer zeitgeistig plappernden Mutter und ihrem dumpfen Fußballer-Sohn erzählt, dann kann man es garstig und lustig finden oder auch ein bisschen eintönig. Wenn Judith Rohrmoser eine bestimmte Art Hochdeutsch mit ihr zu sprechen, hasst und danach den Blick auf ihre jüdische Familiengeschichte richtet, ist das persönlich, nachdenklich und kritisch, aber sicher keine „Hetzrede“. Wenn Barbi Markovic Hierarchie und Gewalt unter Schulkindern ausleuchtet und mit dem beeindruckendsten Wutausbruch des Buches enden lässt, dann ist das eine Geschichte über Hass, nicht voller Hass.

Offensiv widersprüchlich wird es bei Raphaela Edelbauer, die sich gegen altherrenhafte Wünsche an weibliche Kulturschaffende verwahrt und den sexistischen Literaturbetrieb mit Vorwürfen überzieht, aber einräumt, doch gut in ihm angekommen zu sein. Das stellt eine Frage in den Raum, die alle betrifft: Von welcher Position aus wird eigentlich was verabscheut? Welche – womöglich verhassten – Privilegien haben gar nicht so wenige Frauen? Diese Frage steckt auch in Kathrin Rögglas Erzählung über eine genervte Taxikundin und ihren Fahrer.

Das Ganze ist also komplizierter, als es scheint: Natürlich gibt es viele, auch gute Gründe zu hassen. Hass ist aber auch ein großer Vereinfacher, leer und negativ, selbst für den guten Zweck, selbst als performative Geste. Dieser Widerspruch macht „Und wie wir hassen!“ zu einem seltsamen und sehr interessanten Buch. Der Beitrag der Autorin und Musikerin Manja Präkels steht sicher nicht zufällig am Ende. Sie schreibt über Teenager, die einer Elfjährigen das Tuch vom Kopf reißen oder junge Männer, die Obdachlose anzünden und kommt zu folgendem Schluss: „Hass ist kein Gefühl. Hass lässt sich nur in Vernichtung ausdrücken. Hass ist das Gegenteil von Neugier. Ich hasse nicht. Manchmal empfinde ich Ekel. Oder Verachtung. Vor dem Hass. Für den Hass. Aber nein, ich hasse so wenig, wie ich verschwinde. Nein. So wenig, wie ich aufgebe. Nie.“

Lydia Haider (Hg.): Und wie wir hassen! 15 Hetzreden, Kremayr & Scheriau, Wien 2020, 157 S., 19,90 Euro.