BerlinUnabhängigkeit ist für Journalisten ein hohes Gut. Wer nicht unabhängig berichtet, bekommt früher oder später ein Glaubwürdigkeitsproblem. Bedroht wird die journalistische Unabhängigkeit häufig durch fragwürdige Kooperationen mit Dritten, häufig mit Werbepartnern. Fragwürdige Kooperationen ging unlängst offenbar auch der Spiegel ein – zumindest sehen das manche seiner Redakteure so.

Da wäre zum einen die seltsame Werbepraxis der Spiegel-Podcasts. Deren Werbespots werden bisher nicht von Werbeagenturen zugeliefert, sondern von Spiegel-Redakteuren und Spiegel-Moderatoren vorgetragen. Da schwärmt etwa die Audio-Ressortleiterin Yasemin Yüksel zu Beginn eines Beitrags über das Mautdebakel des Bundesverkehrsministers von den „attraktiven Leasing-Angeboten“ des Werbepartners Skoda. Spiegel-Autor Tim Pommerenke freut sich in seinem Esports-Podcast, dass man „mit der Fritz-Box Cable“, ein Produkt des Werbepartners AVM, „das Maximum“ aus seinem „Anschluss herausholt“. Und weil der umstrittene chinesische Hightech-Konzern und Spiegel-Werbepartner Huawei „derzeit bei Vielen Fragen aufwirft“, verweist die freie Spiegel-Journalistin Teresa Sickert im Spiegel-Podcast „Netzteil“ frohgemut auf das „Zukunftsversprechen“ des Unternehmens.

Nach Angaben einer Spiegel-Sprecherin, sei es „den Redakteurinnen und Redakteuren freigestellt“ gewesen, Werbetexte aufzusagen. Viel spricht dafür, dass den Journalisten zumindest nahegelegt wurde, dies zu tun. Gezwungen wurde aber wohl tatsächlich niemand, wie das Beispiel von Spiegel-Reporter Juan Moreno zeigt, der den reichenweitenstarken Podcast „Acht Milliarden“ produziert und sich standhaft weigerte, Werbung vorzulesen.

Spiegel-Chefredakteur Steffen Klusmann habe „jetzt im Einvernehmen mit der Geschäftsführung darum gebeten, diese Vermarktungsform … künftig sein zu lassen“, teilt die Sprecherin mit. Die Entscheidung fiel offenbar, nachdem Klusmann von den Recherchen der Berliner Zeitung zu dem Thema erfahren hatte.

Nur anrecherchiert

Auch eine geplante Kooperation mit der weltgrößten Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) erregte den Unmut mancher Redakteure. Sie war als Partner des Spiegel-Sonderhefts „Klimakrise – Aufbruch nach Utopia“ vorgesehen, das diesen Dienstag herauskam. Zusammen mit BCG wollte der Spiegel ein Ranking zur Klimafreundlichkeit von Branchen und Unternehmen erstellen.

BCG habe „einen solchen Index anrecherchiert“, sagt die Sprecherin. „Als sich herausstellte, dass die verfügbaren Zahlen keine wissenschaftlich solide Basis für eine Erhebung bilden, ist der Klima-Index einvernehmlich gecancelt worden.“ Zuvor gab es in der Spiegel-Redaktion dem Vernehmen nach Zweifel an der Objektivität der Unternehmensberatung angesichts der Vielzahl ihrer Kunden. Die Kooperation beschränkt sich nun nur noch auf einen Klima-Kongress des Spiegels am 3. November, den BCG sponsern wird. Im Klima-Heft werden zudem in zwei Stücken BCG-Zahlen und BCG-Experten zitiert. Dass in einem dritten Artikel eine Szene in den Münchner BCG-Räumen spielt, ist, so die Sprecherin, Zufall.

Ein weiterer Fall liegt bereits ein paar Wochen zurück: Der Spiegel erhält seit 2019 für sein Artikel-, Foto- und Videoprojekt „Globale Gesellschaft“, das nur in den digitalen Medien des Nachrichtenmagazins läuft, eine jährliche Förderung von 760.000 Euro von der Bill & Melinda Gates Foundation. Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt. Mit dem Geld der Stiftung bezahlt der Spiegel die Arbeit von fünf Redakteuren, die ausschließlich für dieses Vorhaben arbeiten. Jedes Stück von „Globale Gesellschaft“ ist mit einem Hinweis versehen, dass es von der Stiftung des Microsoft-Gründers und dessen Frau ermöglicht wurde. Soweit die Theorie.

In der Praxis arbeiteten einige der vom Ehepaar Gates finanzierten Redakteure wohl zumindest ab und an für die ganz normale Spiegel-Berichterstattung, bei der jeder Hinweis auf ihre Gönner fehlte. Die Spiegel-Sprecherin bestätigt dies indirekt: Nach Diskussionen im Ressortleiterkreis habe man sich entschieden, „die fünf von der Stiftung geförderten Kolleg*innen nur noch für Beiträge zum Projekt ,Globale Gesellschaft‘ einzusetzen und nicht mehr für die klassische Spiegel-Berichterstattung“, teilt sie mit.

Sie betont zudem, dass es zuvor „keinen problematischen Fall“ gegeben habe. Aber ist es nicht schon problematisch genug, wenn bei Redakteuren, die von Dritten bezahlt werden, ein Hinweis auf deren Geldgeber fehlt? Dass die Gates Stiftung nach Spiegel-Angaben auf redaktionelle Inhalte – auch nicht auf die des Projekts „Globale Gesellschaft“ – keinen Einfluss nimmt, macht die Sache nach Ansicht mancher Spiegel-Redakteure nicht besser.