Der Goldene Bär.
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Berlin - Die erste Berlinale in  der Obhut von Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian musste sich an vielen Erwartungen messen lassen, die das Leitungsduo ausgelöst hat – ohne das dazugehörige Versprechen selbst formuliert zu haben. Nach 18 Jahren Dieter Kosslick sollte eine neue Ära des Festivals beginnen: schlanker in der Form, fassbarer in der Struktur, triftiger im Künstlerischen.

Für den eiligen Gast – und ein eiliger Gast ist hier jeder – war auf den ersten Blick kaum eine Veränderung bemerkbar. Ob jetzt 400 Filme zu sehen sind oder 340 macht für alle, die sich täglich durch das Programm fräsen, keinen  großen Unterschied. Eine dermaßen ambitionierte Renovierung braucht Zeit und Raum für Erfahrung, die zehn Tage der diesjährigen Ausgabe waren die Probe auf Kommendes. Selbst der Wettbewerb als das Herzstück der Berlinale, wie es so schön heißt, hob sich qualitativ nicht wesentlich von den Auftritten der Vorjahre ab. Es gab ein paar sehr gute Filme, ein paar sehr schlechte – und keinen  richtigen Publikumsliebling oder Kritikerfavoriten.

Bewegendes Jugenddrama

Wer also bekommt die Preise? Ich weiß es doch auch nicht. Ginge es nach mir, wäre Eliza Hittmans Film „Never Rarely Sometimes Always“ mit dabei, aus dem mir eine Szene besonders in Erinnerung bleiben wird. Bei einem Gespräch mit ihrer Fürsorgerin antwortet die 17-jährige Autumn, die nach New York gekommen ist, um ihr Kind abtreiben zu lassen, auf intime Fragen nach ihrem  Liebesleben. Als Antworten stehen zur Wahl: Niemals. Selten. Manchmal. Immer. Ohne ein weiteres Wort vermittelt sich hier die Geschichte einer jungen Frau in der amerikanischen Provinz – und nicht nur dort. In seiner klugen Reduktion hätte der Film zumindest einen Drehbuchpreis verdient. Zuverlässig dürfte die Prognose für den iranischen Film „There Is No Evil“ von Mohammad Rasoulof sein, der das Thema  Todesstrafe auf eine partiell poetische Weise behandelt.  Vielleicht Großer Preis der Jury?

Gute Chancen für eine Kuh

Als besten Schauspieler könnte ich mir  Albrecht Schuch vorstellen, der in Burhan Qurbanis  ganz groß gedachtem „Berlin Alexanderplatz“ die Performance des psychotischen Gangsters Reinhold hinlegt. Allein, wie er einmal mephistophelisch mit Geldbündeln lockend in einen Klub einzieht, ist preiswürdig. Im weiblichen Fach wird es schon schwieriger. Wird es Érica Rivas als von Stimmen besessene Synchronsprecherin aus  „El Prófugo“? Oder Natalia Berezhnaya, die  Natasha aus dem zweigfelhaften DAU-Projekt? Oder vielleicht doch Nina Hoss als „Schwesterlein“ in dem   nämlichen Schauspielerdrama? Was den Goldenen Bären betrifft, lege ich mich jetzt fest, selbst auf die Gefahr hin, dass der Film ihn dann gerade  nicht bekommt:  „First Cow“ von  Kelly Reichardt. Der Film erzählt so originell und hintersinnig von der kolonialen Frühgeschichte des amerikanischen Kontinents, dass er den berlinalistischen Schub verdient hat.