Tüten mit Spenden hängen an einen Gabenzaun am Savignyplatz.
Foto: dpa/Britta Pedersen

BerlinEs ist eine schöne Sache, nicht nur die eigene Versorgungslage sicherzustellen, sondern auch an jene zu denken, denen der Zugang zu den Dingen schon unter normalen Umständen erschwert, wenn nicht verwehrt ist. Am Hamburger Hauptbahnhof gibt es bereits seit drei Jahren einen sogenannten Gabenzaun, an dem Leute für Bedürftige Plastiktüten mit Kleidung und Essen anbringen. Auch in Berlin sind in den vergangenen Wochen Gabenzäune gewachsen und das an so vielen Orten, dass man fast sagen könnte, sie wucherten bereits.  

Dystopisches Strandgut

Am Schöneberger Winterfeldtplatz etwa ist ein Parkzaun so bunt bestückt, dass er auf den ersten Blick aussieht wie ein Marktstand. Auf den zweiten wirken Tüten und Stoffe dann schon eher flüchtig, eher wie Strandgut, das nach einer dystopischen Berliner Sturmflut am Gitter hängengeblieben sein könnte: Weggeworfenes, Angeschwemmtes, halb Verwestes. Nur wenige Schritte entfernt hat jemand an einem nur kniehohen Zaun eine weitere Gabenstätte eröffnet. Ein paar Bücher liegen herum, ein wenig Kleidung und etwas in einer Tüte.

Vor den Eingangstüren oder in ebenerdigen Fensternischen sieht man in vielen Bezirken immer mal wieder Kisten mit Geschirr oder was die Leute eben so loswerden wollen, nachdem sie bei Netflix die Aufräumfilme von Marie Kondo gesehen. Auch ich habe schon Sachen rausgestellt. Über solchen Kisten hängt dick ein „Danke“ in der Luft. Danke fürs Mitnehmen, dann erspare ich mir beim nächsten Mülleimeröffnen den Blick in die Augen des weggeworfenen Teddybärs.

Obdachlose only!

An den neugegründeten Gabenzäunen, die ich bisher gesehen habe, finden sich ebenfalls überständige Dinge wie Plastikspielzeug oder ein zerfleddertes Fremdwörterbuch, regelrechter Müll zum Teil. Dazwischen vielleicht eine Tüte Milch, die hoffentlich noch frisch und Wollkleidung, die hoffentlich gewaschen ist. Aber darf man, soll man, muss man da jetzt rangehen? Die schriftliche Warnung, bloß die Finger wegzulassen, wenn man nicht bedürftig ist, findet sich an vielen Zäunen. Obdachlose only. Aber: Würde wohl jemand etwas mitnehmen, wenn er es nicht brauchte? Und: Braucht jemand Müll?

 Nun ist Geben ja immer ein gesellschaftliches Minenfeld. Von „Jetzt freu dich doch wenigstens!“ bis „Oh mein Gott, wo ist die Vase, die uns deine Mutter beim letzten Besuch mitgebracht hat?“, vom Wunschzettelzwang vor bis zum Dankesbriefzwang nach Weihnachten, liegt die Last – soviel Mühe sich der Schenkende auch geben mag – immer beim Beschenkten. Und das alles vermutlich nur, weil Geben seliger sein soll als Nehmen, wie es in der Bibel heißt. Zumindest im persönlichen Austausch gilt es als deutlich sicherer, der Gebende zu sein. Man bestimmt dann, was wohin fließt und erntet auch noch Dank dafür.

Die Propaganda vom geschenkten Gaul

Was aber, wenn diese Form der Gabenkultur auf dem gleichen Missverständnis beruhte wie die handelsübliche Rollenverteilung von „Arbeitgeber“ und „Arbeitnehmer“? Was, wenn, was sich im Gewand des Gebens abspielt, oft eher an Nötigung grenzte? Denn das Zurückweisen eines Geschenkes gilt bei uns ja nicht als Versagen des Schenkenden, sondern ist als gesellschaftliche Dummheit im Verdacht – „einem geschenktem Gaul schaut man nicht ins Maul“. Warum eigentlich nicht? Wer braucht ein altes Tier mit schlechten Zähnen?

Gabenzaun in Berlin-Mitte.
Foto: dpa/Jörg Carstensen

Es handelt sich selbstredend um ein beidseitiges Problem. „Bitte, dann wird dir gegeben“, heißt es an anderer Stelle ebenfalls in der Bibel. Aber daran, dass auch im Bitten Seligkeit liegen könnte, wird eher weniger geglaubt. Wir können es uns aufgrund der eigenen Gebepraxis einfach nicht vorstellen, dass uns, wenn wir so viel gegeben haben sollten, dass wir bedürftig werden, auch selbst gegeben würde. Zumindest nicht das, was wir brauchten. Deswegen behalten wir das Heft des Gebens lieber fest in der Hand, bevor noch andere anfangen, dort etwas hineinzuschreiben. Und Bitten gilt als unfein.

Geben, was der andere will

Gerechter oder glücklicher hat das die Welt allerdings bisher nicht gemacht und daher könnte man das Thema nach all den Jahren vielleicht doch nochmal öffnen – und sei es am Beispiel des Gabenzauns, der dann auch ein Bittzaun sein müsste. Etwa so: Wer zu geben bereit ist, gehe hin, höre sich an, was diejenigen brauchen, die zu bitten bereit sind, und bringe es, am nächsten Tag zur vereinbarten Zeit vorbei. Gezielt und bedarfsgerecht. Einen Schlafsack. Eine Thermoskanne. Zwanzig Euro. Oder ein Sixpack Bier.

Denn – hier kommt das Kleingedruckte –: Ein Geben, das wirklich Dank verdient, überträgt ohne Bedingung oder Bewertung einfach das, was der andere will. Alles andere mag im Einzelfall und vor allem zurzeit auch hilfreich sein (was kann bei einem Brot oder einem Beutel Orangen schon schiefgehen?), ist aber – Sie werden das merken, wenn Sie einmal der Bittende sind –  verbrämte Entsorgung oder am Ende doch immer ein irgendwie hierarchisches Geschäft.