Tafel zum Lernen der Gebärdensprache.
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BerlinZum schwarzpädagogischen Instrumentarium der 70er-Jahre gehörte auch das Sprichwort „Wer nicht hören will, muss fühlen“ – womit zumindest in unserer Familie nicht irgendwelche vage schwierigen Erfahrungen gemeint waren, die die Heranwachsenden machen könnten, wenn sie einen elterlichen Rat nicht beherzigten. Sondern eher, wusch!, der Klaps auf den Hinterkopf, wenn man auf eine Ansage hin nicht gleich reagierte.

Interessanterweise erinnere ich mich daran, schon damals über das Wort „will“ gestolpert zu sein. Wer nicht hören will ... Was aber, wenn einer nicht hören kann? Und wie ging das mit dem ebenso gern benutzten Spruch „Der Willi ist gestorben!“ zusammen, der Kindern, die einen Satz mit „Ich will ...“ begannen, plastisch vor Augen führen sollte, dass aus ihrem eigenem Willen nichts Gutes entsteht? Lautsprache und Gehorsam schienen eine Einheit zu bilden, außerhalb derer das Chaos bekämpft werden musste. Das Ende des Zweiten Weltkriegs war damals rund 30 Jahre her – genauso lang wie der Fall der Mauer heute.

Inzwischen ist die gesprochene Sprache selbst zur Gefahr geworden. Wie weit fliegen die Tröpfchen wohl, wenn jemand aus voller Brust „Stillgestanden!“ über den Kasernenhof brüllt? Und wie hörte sich dieser jemand an, wie sähe er aus, wenn er dabei eine (olivgrüne?) Maske trüge? Die Stirn geschwollen, die Augen zusammengekniffen, aber ohne aufgerissenen Mund fehlte dem Befehl die Wahrheit – der Gewalt.

Seit man in der Öffentlichkeit mit Masken kommuniziert, merken auch Hörende, wie wichtig Mundbewegungen für das Verstehen sind. Die Verkäuferin muss etwas gesagt haben, sie sieht mich hinter ihren Brillengläsern an, erst forsch, dann auffordernd, schließlich genervt, der Blick verengt sich schneller, als ich nachfragen kann, was aber wiederum sie vielleicht nur unscharf wahrgenommen hätte, denn ringsum ist es laut, die Tür zur Hauptstraße steht hygienisch offen, das Kind, einen Meter fünfzig hinter mir, schreit. Manche Menschen sind längst mit Block und Stift unterwegs.

Zu Beginn der Corona-Krise forderten Interessensvertreter, für Gehörlose Masken mit Sichtfenstern im Angebot zu haben, weil auch zur Gebärdensprache Mundbewegungen gehören. Jeder bräuchte die natürlich. Und obwohl sie nicht verbreitet sind, scheint das Erlernen der Gebärdensprache momentan hoch im Kurs zu stehen. Nicht unbedingt wegen Corona. Meine Schwägerin hat schon seit letztem Jahr versucht, einen Volkshochschulkurs in Gebärdensprache zu belegen, und ist ganz glücklich, dass es jetzt im Nachrückverfahren geklappt hat. Vier Anfängerkurse gibt es aktuell in Mitte, frei kommunizieren kann man wohl frühestens in Stufe neun.

Die Frage, ob Gebärdensprache schwer zu lernen ist, beantwortet die Website www.nicht-stumm.de mit einem Nein, das für mich eher wie Ja klingt. Ein Tripeltalent in Sachen Sprachen, Motorik und visuellem Gedächtnis bräuchte ein hörender Erwachsener schon dafür, weswegen ich wohl keinen Kursplatz besetzen werde. Aber wenn Sprache auf gesellschaftlich etwas breiterer Basis plastischer und auch stiller würde, fände ich das schon tröstlich. Dass man sich dabei anschauen muss, ebenfalls. Anders als ein gebrüllter Befehl erreicht auch eine noch so heftig gebärdete Ansage den Empfänger schließlich nur, wenn er hinsieht. Im Gefahrenfall ist das ein Nachteil. In allen anderen Fällen eine Chance.