Berlin - Jens Spahn und Armin Laschet haben es getan, aber auch der Fußballspieler Marcus Thuram. Letzterer hatte es wohl am dringendsten nötig. In einem Spiel seines Vereins Borussia Mönchengladbach hatte er vor Weihnachten einen Gegenspieler nach einem Zweikampf ins Gesicht gespuckt und war dafür des Feldes verwiesen worden. Kurz danach sah sich der französische Nationalspieler dazu veranlasst, seine sozialen Kanäle zu bedienen. „Heute ist etwas vorgefallen, das nicht meinem Charakter entspricht und niemals passieren darf“, hatte er dort geschrieben und hinzugefügt: „Ich habe einem Gegenspieler gegenüber falsch reagiert, und etwas ist versehentlich und nicht absichtlich passiert.“

Die Wortwahl lässt vermuten, dass ihm nachdrücklich geraten worden war, auf Entdramatisierung zu setzen: „Ich war ein Anderer.“ Die darüber berichtenden Medien hingegen mochten den jungen Fußballspieler, der als Sohn eines berühmten, ebenfalls Fußball spielenden Vaters rasch in eine Vorbildrolle gedrängt worden war, so einfach nicht davonkommen lassen. Sie reagierten mit demonstrativer Abscheu und Empörung.

Spucke ist eine klebrige Substanz

Die Vokabel „widerwärtig“ findet nicht erst seit diesem Vorfall immer häufiger Verwendung. Während ein moralisches Urteil oft abgegriffen und fad erscheint, hat sich die Formulierung eines Ekelgefühls als Steigerungsform der Kritik weitgehend etabliert. Der Einsatz von Körperflüssigkeit markiert dabei allerdings nicht erst durch die forcierten Ansteckungsgefahren in der Pandemie eine Grenze. Als Ausdruck einer gezielten Herabsetzung gilt er selbst in einer Sportart als verächtlich, die ihre Attraktivität und Spannung nicht zuletzt aus der Entfesslung von Emotionen und deren Nähe zum Regelbruch bezieht.

Spucke ist eine klebrige Substanz, und mehr noch als die öffentliche Aburteilung sowie die von der Sportgerichtsbarkeit verhängten Strafen dürfte an Thuram das Stigma haften bleiben, dass er als ein junger Mensch, dessen Erfolg doch auf Disziplin und Systemanpassung beruht, sich nicht unter Kontrolle hatte.

Es wird gespuckt, gebissen und gekratzt

Dabei schien zuletzt kaum etwas gesellschaftlich weniger geahndet zu werden als der Kontrollverlust. Die USA leisteten sich einen Präsidenten, der die Entfesslung seiner Affekte zum Regierungsstil erklärte, und im zivilen Alltag deuten immer mehr Attacken gegen öffentliche Funktionsträger darauf hin, dass die Varianten unmittelbarer Körperlichkeit eine unheilige Allianz mit dem Bedürfnis nach spontaner Regelverletzung eingegangen sind. Waren Prügeleien im Parlament meist ein Indiz für einen Mangel an Verfahrenssicherheit junger Demokratien, so hat sich unlängst die AfD dadurch hervorgetan, den Deutschen Bundestag mit Sympathisanten zu bevölkern, die die Abgeordneten anderer Parteien körperlich bedrängen.

Eine neue Ruppigkeit stellt die Geltung von Anstands- und Abstandsregeln massiv infrage, und selbst wenn man geneigt ist, Marcus Thurams sein Beteuern abzunehmen, er habe es nicht absichtlich getan, erscheint seine Spuckattacke doch wie eine zwanghafte Reaktion auf das Gebot, in Zeiten der Pandemie auf besondere Weise an sich zu halten. Es wird gespuckt, gebissen und gekratzt, wohin man auch sieht. Die sozialen Körper scheinen auffällig gereizt.

Zum Jahreswechsel wurde viel um Verzeihung gebeten

Entschuldigungen und das Bitten um Verzeihung muten in diesem Kontext als vorauseilende Besänftigungsstrategie an. Nach Krisen und Katastrophen hört man nicht selten melodramatische Klänge. Tatsächlich hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bald nach Beginn der Beschränkungen der bürgerlichen Freiheiten infolge der hohen Corona-Infektionen bereits im März 2020 gemutmaßt: „Wir werden in ein paar Monaten einander wahrscheinlich viel verzeihen müssen.“

Zum Jahreswechsel kam die Kulturtechnik des Verzeihens, Entschuldigens und Bedankens dann geradezu inflationär zum Einsatz. In Talkshows wurde das Bedürfnis nach Entschuldigung als launige Schlussrunde abgefragt und eine Einzelhandelskette ließ ihre Mitarbeiter via TV-Werbespot wie Fußballstars feiern, nur weil sie da waren. Ähnlich anerkennende Botschaften, die den Verdacht folgenloser Gestik nicht abzustreifen vermochten, ereilten Alten- und Krankenpfleger.

Zur Floskel verkommen

Bundeskanzlerin Angela Merkel wiederum stellte diesen Berufsgruppen in ihrer Neujahrsansprache gleich noch deren Vorgesetzte, die Ärzte, zur Seite und sah sich bemüßigt, die Dienstleistenden der Bundeswehr zu ergänzen, die zuletzt zunehmend zu zivilen Aufgaben herangezogen worden waren. Bei ihren Belobigungen gemeinnütziger Aktivitäten war Merkel überaus beflissen darin, bloß niemanden zu vergessen. Der öffentlich nachgereichte Dank als Substitut für unzureichende Bezahlung und andere Gratifikationen.

Beim Gebrauch von derlei Demutsgesten wird jedoch unterschlagen, dass das Wort Verzeihung in einem ursprünglichen Zusammenhang mit dem Zeihen steht. Es stammt aus dem Althochdeutschen und kennzeichnet den Vorgang der Bezichtigung und Beschuldigung. Die heutige Bedeutung des Wortes Verzeihung entstand im 15. Jahrhundert aus der rechtssprachlichen Verwendung, der zufolge auf einen Anspruch auf Wiedergutmachung verzichtet wurde. In der Bitte um Verzeihung wird um die Unterlassung von Vergeltung gebeten, die nicht selten tödlich endete oder zumindest die existenzielle Vernichtung zur Folge hatte.

Wer sich wortreich bedankt oder um Verzeihung bittet, baut darauf, danach wieder quitt zu sein. In der gegenwärtigen Gefühlskultur deutet einiges darauf hin, dass der auffällige Durchbruch von Affekten in dem Maße zum Zuge kommt, wie die Begleichung einer Schuld zur rhetorischen Floskel verkommen ist.