Ende der 70er-Jahre stieß der britische BBC-Journalist Will Wyatt in amerikanischen FBI-Akten auf eine Spur, die ihn elektrisierte. In den seit sieben Jahrzehnten verschlossenen Unterlagen fand er polizeiliche Protokolle über die Vergangenheit eines deutschen Schriftstellers von Weltrang, den die Londoner Times als „größtes literarisches Geheimnis des Jahrhunderts“ bezeichnete: B. Traven, ein heute fast vergessener Autor sozialkritisch-revolutionärer Abenteuerromane mit einer gigantischen Gesamtauflage von 30 Millionen Büchern, gestorben am 26. März 1969 in Mexico City.

Einzigartig war Traven nicht nur wegen seiner anarchistisch gefärbten Romane „Das Totenschiff“, „Der Schatz der Sierra Madre“ oder „Die Rebellion der Gehenkten“, sondern auch wegen des Mythos, den er um sich webte. Nie verriet er, wer er wirklich war, wann er geboren wurde und woher er kam. Er lebte und schrieb unter mehr als 30 Pseudonymen. „Mein Lebenslauf ist meine Privatangelegenheit, die ich für mich behalten möchte“, lautete sein Credo. Nur durch seine Werke wollte er wirken.

Erst auf dem Totenbett erlaubte der „große Unbekannte“ seiner Frau Rosa Elena Luján, der Welt zu verraten, dass er mit Ret Marut identisch war, dem deutschen Schriftsteller, Schauspieler und Führungskader der Münchner Räterepublik von 1918/19. Das hatten literarische Detektive schon oft vermutet. Doch auch dieser Name war ein Pseudonym, was die neue Frage aufwarf: Wer war Ret Marut?

Genau hier hakte Will Wyatt ein, denn er war in den FBI-Akten auf eine mögliche Antwort gestoßen – eine Antwort, um die Literaturwissenschaftler zu Travens 50. Todestag jetzt wieder heftig streiten. Denn neuere Forschungen haben die Debatte um das literarisch-biografische Rätsel noch einmal angefacht. Aus den FBI-Protokollen ergab sich, dass ein Ret Marut sich Ende 1923 in London nach einer Personenkontrolle im Verhör bei Scotland Yard unter anderem als „Herrmann Otto Albert Maximilian Feige“ ausgegeben hatte, geboren 1882 im preußisch-schlesischen Schwiebus (heute Swiebodzin in Polen).

Die amerikanische Botschaft in London wurde wenig später vom britischen Geheimdienst Special Branch auf den „reichlich mysteriösen Fall“ aufmerksam gemacht, da Marut sich wie stets als Amerikaner bezeichnete. Im März 1924 tauchte er dann leibhaftig in der Vertretung auf und beantragte einen amerikanischen Pass, allerdings vergeblich. Wenige Monate später begann er in der mexikanischen Ölstadt Tampico ein neues Leben als „B. Traven“ und sandte seine Texte vom Überlebenskampf der Entrechteten, Tramps und Indigenen in Mexiko nach Deutschland.

Die von Wyatt entdeckte Spur nach Schwiebus war völlig neu. Sie führte zur bislang einzigen Person hinter Travens Pseudonymen, deren Name in einem echten Geburtsregister steht: Herrmann Albert Otto Maximilian Feige, ein ehemaliger Schlosserlehrling, Sohn des Töpfers Adolf Rudolf Feige. Wyatt ermittelte anschließend zwei jüngere Geschwister Otto Feiges in der niedersächsischen Kleinstadt Wallensen nahe Hannover, die aufgrund von Traven-Fotos, die er ihnen vorlegte, ihren Bruder zu erkennen wähnten. „Ja, das ist er“, sagten sie. Der Journalist machte seine Entdeckung in einer TV-Dokumentation 1977 bekannt – eine internationale Sensation. Doch so großen Eindruck Wyatts Theorie damals auch in der Öffentlichkeit machte, führende Traven-Experten zweifelten sie mit zahlreichen Argumenten an. 

Die meisten Traven-Forscher betrachten die Otto-Feige-Hypothese skeptisch

Vor allem diesem: Warum sollte Marut/Traven ausgerechnet der Londoner Polizei seinen wahren Namen genannt haben, wenn er ihn sonst geheim hielt? Darauf gab die BBC keine Antwort. Und wie glaubwürdig sind die Aussagen von Geschwistern, die auf Fotos ihren seit 70 Jahren verschollenen Bruder zu sehen erwarteten? „Kein Zweifel“, urteilte der prominente Harvard-Germanist und Traven-Biograph Karl S. Guthke, „B. Traven war nicht Otto Feige.“

Die Otto-Feige-Hypothese geisterte trotzdem weiter durch Lexika und Feuilletons. Sie wurde 2012 von dem Bochumer Germanisten Jan-Christoph Hauschild mit einem 700-Seiten-Wälzer über „B. Travens unbekannte Jahre“ aufgefrischt, auf den viele Rezensenten einmal mehr mit dem Urteil reagierten: „Das letzte Geheimnis des B. Traven wird gelüftet.“ Jetzt hat Hauschild mit einem zweiten Buch noch einmal nachgelegt und dabei die übrigen Traven-Forscher als „verstockte Travenologen“ attackiert, weil die meisten die Otto-Feige-Hypothese weiterhin mit großer Skepsis betrachten.

Einerseits ergaben Hauschilds Forschungen über Otto Feiges Jugend in Schwiebus und Wallensen, die Zeit als Maschinenschlosser und Arbeiterfunktionär in Magdeburg ab 1904 und in Gelsenkirchen ab 1906 teils verblüffende Parallelen zu Werk und Biographie von Marut/Traven. Sie lassen es durchaus möglich erscheinen, dass Otto Feige der Mann hinter den Traven-Legenden ist. Feige veranstaltete als Gewerkschaftssekretär in Gelsenkirchen Kunst- und Vortragsabende.

Er vertrat radikale sozialistische Ansichten, interessierte sich für Technik ebenso wie fürs Theater – genau wie Marut/Traven, der wiederum eine auffällige Vertrautheit mit Preußen und dem Ruhrgebiet zeigte, wo Otto Feige gelebt hatte. Und schließlich – das vielleicht wichtigste Argument – tauchte Feige Ende 1907 in Gelsenkirchen ab, nur zwei Monate, bevor Marut in der nahegelegenen Großstadt Essen erstmals aktenkundig wurde.

Alles scheint zu passen. Andererseits: Hauschilds Bücher enthalten nur wenig substantiell Neues. Was er vorlegen kann, sind vor allem Indizien, Ähnlichkeiten, Gedankenspiele – die mit dem gleichen Recht widerlegt werden können. Die zeitliche Übereinstimmung des Abtauchens Feiges und des Auftauchens Maruts kann reiner Zufall sein. Kenntnisse der Region Posen, in der Schwiebus liegt, kann Marut bei seinen dortigen Auftritten als Schauspieler gesammelt haben. Die Vertrautheit mit dem Ruhrgebiet, mit der Traven in seinen Romanen aufwartet, kann Marut auch in Essen und Düsseldorf erworben haben, wo er tätig war.

Und während fast alle Orte, die für Marut belegt sind, in Travens Werken auftauchen, kommt ausgerechnet Magdeburg, wo Feige offenbar ab 1904 zwei Jahre lebte, überhaupt nicht vor. Zudem erscheint es schwer vorstellbar, wie der unausgebildete Theaterfan Feige als Hauptdarsteller in Shakespeares „Othello“ auftreten konnte, als Marut 1908 seine erste professionelle Bühnenrolle übernahm. Und während Hauschild kategorisch ausschließt, dass Otto Feige der SPD angehörte, war dieser nach neueren Forschungen SPD-Mitglied und hielt in dieser Funktion Vorträge unter anderem über Ferdinand Lasalle – was Maruts Behauptung in seiner Münchener Antikriegszeitschrift „Der Ziegelbrenner“ widerspräche, er habe im selben Zeitraum 1905 „sozialdemokratische Arbeiter“ vor „einer an die Macht gelangten Sozialdemokratie“ gewarnt.

Warum hat sich Otto Feige hinter Pseudonym Ret Marut versteckt?

Wie bei Wyatt ergibt die Gesamtheit der von Hauschild angeführten Indizien keine unanfechtbaren Belege für die Identität Feiges mit Marut/Traven. Wirklich sicher scheint nur, dass Ret Marut den Schwiebusser Maschinenschlosser gekannt haben muss, da er dessen Familiengeschichte im Kopf hatte – und zwar besser, als das bei einem Bekannten normalerweise der Fall wäre. Weil er Otto Feige war? Oder weil er – als Teilnehmer der Münchner Räterevolution wegen Hochverrats gesucht – ihn nach dessen Personaldaten ausgefragt und sich diese eingeprägt hatte?

Allerdings unterliefen Marut Fehler. Er gab in der amerikanischen Botschaft ein falsches Geburtsdatum an und nannte den Vernehmern 1923 in London zwar sämtliche Vornamen Feiges, aber kein einziges Mal in der korrekten Reihenfolge. Ist das beim eigenen Namen glaubwürdig? „Ganz genau genommen, kann Wyatt nur beweisen, dass Ret Marut sich 1923 als Otto Feige ausgab“, schreibt Traven-Biograf Karl S. Guthke.

Inzwischen hat Hauschild erreicht, dass Internetlexika die Otto-Feige-Theorie als definitiv letzte Wahrheit über B. Traven akzeptieren. Doch bei aller Akribie im Detail kann er das Grundproblem des Rätsels B. Traven nicht schlüssig beantworten: Welches Motiv hatte Otto Feige, sich hinter dem Pseudonym Ret Marut zu verstecken und seine Herkunft auch später noch zu verdunkeln? Hauschilds Deutung wirkt trivial: „Otto Feige setzte alles daran, um der sozialen Rolle zu entkommen, die die eigenen Erfahrungsmöglichkeiten hemmte und einschränkte.“ Demnach wurde Feige zu Marut, weil er sich von seinem alten, „spießigen“ Leben als Gewerkschaftssekretär lösen und als Schauspieler damit nicht mehr identifiziert werden wollte.

Warum aber wurde er dann als Mitglied der Deutschen Bühnengenossenschaft unter dem Namen Ret Marut 1907 erstmals ausgerechnet in Essen registriert, das nur 8,5 Kilometer Luftlinie von Gelsenkirchen entfernt ist und wo man ihn leicht als Otto Feige identifizieren konnte? Wäre es nicht sinnvoller gewesen, ganz woanders neu anzufangen? Mit keiner Silbe erwähnt Hauschild zudem ein immer wieder zitiertes Wort des ehemaligen Wehrmachtoffiziers Götz Ohly, eines Freundes Maruts aus der „Ziegelbrenner“-Zeit.

Ohly schrieb 1949 im Münchner Stadtanzeiger, dass Marut/Traven „sehr triftige Gründe hat, im Verborgenen zu leben: diese Gründe (die also mit der Beteiligung an der Räterepublik nichts zu tun haben) hatte er schon in München“. Kann es nicht doch sein, dass ein Verbrechen vorlag, wie häufig vermutet wurde, oder auch ganz profan ein Familiendrama, etwa eine ungewollte Schwangerschaft?

Kam das Pseudonym B. Traven durch den Fluss in seiner Heimatstadt?

Erst 30 Jahre nach Travens Tod, tauchte eine körperliche, fassbare Lebensäußerung des Mystery Man auf, die unmittelbar wissenschaftlich überprüfbar war. Auf dem Traven-Kongress vom August 1999 in Stockholm verteilte Travens Stieftochter Malú Montes de Oca de Heyman eine Tonbandkassette mit einem 15-minütigen Zusammenschnitt von Originalaufnahmen Travens aus den 60er-Jahren.

Auf dem Band singt der alte Mann die deutschen Lieder: „O du alte Burschenherrlichkeit“ und „Ja, Sumatra, Java und Borneo“. Ende 1999 beauftragte der Autor dieses Artikels den prominenten Marburger Sprachwissenschaftler Hermann J. Künzel für die Berliner Zeitung mit einem Gutachten über die Dialektfärbung der Tonproben. In seiner vierseitigen Expertise kam der Fachmann zu dem eindeutigen Schluss, dass der „große Unbekannte“ Westniederdeutsch bzw. Nordniedersächsisch sprach. Das Gutachten ergab, dass er vermutlich zwischen Hamburg und Lübeck aufwuchs.

Für die Traven-Forschung konnte Künzels Befund als sensationeller Durchbruch gelten, denn er schloss aus, dass B. Traven als Sohn eines Töpfers im Osten Deutschlands groß wurde. Künzels Gutachten lenkt den Blick zurück auf eine autobahnbreite Fährte, die Travenologen nicht erst seit Guthkes Entdeckungen immer wieder beschäftigte. „Gehen Sie nach Lübeck! Und Sie finden vielleicht Marut-Travens Geheimnis!“ – das hatte der Räterevolutionär Erich Wollenberg Traven-Rechercheuren schon 1966 geraten. Auch Marut/Travens frühere Lebensgefährtin Irene Mermet habe auf Lübeck getippt, erinnerte sich Wollenberg: „Sie nimmt an, dass er sein Pseudonym nach dem Namen des Flusses seiner Heimatstadt, der Trave, gewählt hat.“

Anders als Jan-Christoph Hauschild konnten einige Traven-Forscher den kaum überschaubaren Nachlass des Autors in Mexico City sichten. Der sammelte wie ein Besessener noch das banalste Stück Papier: Fahrkarten aus Luxemburg, Essensmarken aus Wien, Briefe aus Köln, dazu Papiere, die klar aus der Zeit vor 1907 stammen. Aber Otto Feige? Im mexikanischen Nachlass konnte nichts entdeckt werden, das in irgendeiner Form auf den Schwiebusser hingewiesen hätte. Und letztlich ist es auch einerlei, ob hinter dem Pseudonym ein Adeliger, Matrose oder Maschinenschlosser steckt – denn es ist das Geheimnis, das ganz wesentlich den Reiz der literarischen Figur B. Traven ausmacht.