„Hier wird zwischen zwei Stühlen Fernsehgeschichte geschrieben“ – so lautete die vollmundige Ankündigung zu Beginn der eintausendsten Sendung „Wer wird Millionär?“ Das war ziemlich übertrieben. Das Gefühl, dass hier etwas Sensationelles passiert, hat man bei der Quizshow mit Günther Jauch schon lange nicht mehr. Die Sendung ist angenehme Fernsehroutine, das kühl designte Studio ist über die Jahre fast gemütlich und heimelig geworden. Bei der Jubiläumsausgabe ist einiges anders, aber doch irgendwie alles beim Alten.

Wobei das Format an sich natürlich längst Fernsehgeschichte geschrieben hat. 1998 ist „Who Wants to Be a Millionaire?“ in Großbritannien entstanden, inzwischen wird die Sendung in über 100 Ländern produziert und ausgestrahlt. In manchen Ländern gibt es weit mehr als eine Million zu gewinnen. In Vietnam können die Kandidaten sogar 120 Millionen Vietnamesische Dong (VND) erspielen, was aber nur etwa 4.300 Euro entspricht.

6,7 Millionen Zuschauer

Seit dem 3. September 1999 gibt es „Wer wird Millionär“ in Deutschland, immer mit Jauch, immer erfolgreich, wenn auch inzwischen nicht mehr ganz so überragend. Zu Hochzeiten schauten über zehn Millionen Zuschauer die Sendung, inzwischen hat sie sich auf einem Niveau von durchschnittlich um die sechs Millionen Zuschauer eingependelt. 2011 sahen im Schnitt 6,7 Millionen Menschen zu. Das ist immer noch sehr gut, nur bei der als werberelevant bezeichneten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen hakt es ein bisschen. Der WWM-Zuschauer wird immer älter, so dass die Quote bei der jüngeren Zielgruppe inzwischen öfter unter das Senderniveau von RTL rutscht.

Jetzt also die eintausendste Sendung „Wer wird Millionär“. Neu daran ist die Auswahl der Kandidaten. Sie alle sind ehrenamtlich tätig, schneiden Obdachlosen die Haare, engagieren sich im Kampf gegen Knochenmarkskrebs oder kümmern sich um Kinder. Nur vier Kandidaten treten an und sie alle schaffen es der Reihe nach auf den Stuhl in der Mitte.

Für den Promi-Faktor sorgen Barbara Schöneberger und Oliver Pocher, die beide selbst schon mal eine Million Euro bei Jauch gewonnen haben und jetzt zusammen mit einem weiteren Jauch-Millionär, Ralf Schnoor, auf einer Couch platziert sind. Sie fungieren als zusätzlicher Joker, der Kandidat darf sie einmal zu Rate ziehen. Ihre Aufgabe besteht natürlich auch darin, wie beim Prominenten-Special durch Klatschen, Reinrufen und Singen dem Kandidaten zu helfen. Ist ja für einen guten Zweck.

Trash-TV bei Jauch

Auch neu sind die kleinen Filme, mit denen die Kandidaten vorgestellt werden. Hier macht RTL, was es besonders gut kann, was aber so gar nicht zum Bildungsbürger-Quiz „Wer wird Millionär“ und Jauchs frotzelnder Art passen will: Trash-TV. Eine der Kandidatinnen läuft durch einen herbstlichen Blätterwald, Bilder färben sich dunkel ein, die Stimme aus dem Off gibt sich nachdenklich und alles wird zugekleistert mit grausig-kitschiger Musik. Das ändert natürlich nichts daran, dass die Kandidaten wirklich Gutes tun und teilweise Schreckliches erlebt haben. Nur hätte man das dem Zuschauer auch anders servieren können.

Dankenswerterweise verweigert sich Jauch dem Tränendrüsendrücken und zieht auch in der tausendsten Sendung relativ ungerührt sein Ding durch. Das Ding, das er seit der ersten Show perfektioniert hat. Er hat es geschafft, für den intelligentesten Fernsehmoderator, wahrscheinlich sogar intelligentesten Journalisten überhaupt, gehalten zu werden. Auch, weil er die Fakten, die auf dem Bildschirm vor ihm stehen, so vorträgt, als würde er sich gerade selbst daran erinnern: Augen leicht zugekniffen, Blick in die Ferne schweifend.

Jauch hat gelernt, die Kandidaten schon nach der ersten Frage perfekt einzuschätzen. Er weiß, mit wem er plaudern kann, wen er lieber in Ruhe lässt, wem er helfen und wen er ausbremsen muss. Wenn Jauch jemanden nicht mag, kann er das deutlich zu verstehen geben. Am meisten missfallen ihm zu selbstbewusste, arrogante Männer und junge Frauen, die viel kichern und wenig wissen.

Immer wieder Spanien

Beides ist in der Jubiläumssendung nicht vertreten und so hangelt man sich freundlich durch die Sendung. Am Schluss darf die Friseuse Sheila Kußmann nach einer erneuten Auswahlfrage noch mal auf dem Stuhl Platz nehmen und die Eine-Million-Euro-Frage beantworten. Da sie aber nicht weiß, dass Spanien die häufigste Antwort bei allen Wer-wird-Millionär-Fragen war (insgesamt 17 Mal), bleibt die Million auch diesmal ungeknackt. Feuerwerk gibt es trotzdem. Auf die nächsten 1000 Folgen.