BerlinEs war eine Art Kostümshow, die Fayez Kanfash am Sonnabend auf der Sonnenallee in Neukölln abzog. Er selbst hatte sich so gekleidet, dass er auf den ersten Blick als Araber zu erkennen war, mit langem weißem Gewand und Turban. An einem Seil zog er einen Mann in Anzug und blonder Perücke hinter sich her, der eine Emmanuel-Macron-Maske trug. Er peitschte ihn aus, beschimpfte den Macron-Darsteller als Hund und Schwein. „Allahu akbar“, rief er, Passanten stimmten ein. Der Staatsschutz des LKA ermittelt, welche strafrechtlichen Verbotsnormen in Hinblick auf die Aktion in Betracht kommen könnten.  

Wer ist Fayez Kanfash? Er ist ein syrischer Youtuber, wie sich bald danach herausstellte, seit 2016 lebt er in Deutschland, offenbar in Berlin. Auf seinem Youtube-Kanal hat er fast eine Million Follower. Zuerst kursierte nur ein von Passanten aufgenommenes Video seines Neukölln-Auftritts in den sozialen Netzwerken. Am Sonntag hat Fayez Kanfash ein eigenes gut zehn Minuten langes Video in seinen Kanal gestellt. Bei Redaktionsschluss hatte es rund 120.000 Aufrufe. Die erste Szene zeigt ihn mit einer brennenden Macron-Maske in der Hand. Dazu rezitiert er das islamische Glaubensbekenntnis. Wer den Islam herabsetze, verdiene es, so behandelt zu werden, sagt er. Er kritisiert auch Macrons Frau, weil sie gegen das Tragen von Kopftüchern sei.

Der Nachrichtenagentur Reuters sagte Kanfash, er wolle den Deutschen und den Westlern mit der Aktion zeigen, dass Meinungsfreiheit ihre Grenzen habe. „Ich wollte nie zu Gewalt aufrufen. Ich wollte nur sagen: Wenn die Meinungsfreiheit euch erlaubt, unseren Propheten zu beleidigen, dann nehmt keinen Anstoß daran, dass wir eure politischen Führer beleidigen.“ Dass Macron das Recht verteidigt hat, Karikaturen des Propheten Mohammed zu veröffentlichen, hat in der muslimischen Welt für Aufruhr gesorgt. Viele Muslime empfinden sie als blasphemisch und beleidigend.

Kanfash sagte der Nachrichtenagentur zudem, er sei von der Polizei angehalten und befragt worden. Möglicherweise geht darauf folgende Einblendung in seinem Video zurück: Nach der ersten Szene heißt es auf Arabisch und  Deutsch: „Warnung!!!!!!!!!! Bitte nehmen Sie es nicht zu ernst und respektieren Sie den deutschen Staat.“  

Während es zunächst nur auf Arabisch verfasste Kommentare zu dem Video gab, häufen sich seit Dienstag Kommentare auf Deutsch, viele sind  kritisch. „Macron ist gegen solche Leute wie du. Gegen solche Menschen, die immer Unruhe stiften. Lass dich untersuchen!“, schreibt jemand wörtlich. 

Wer sind Fayez Kanfashs Follower, in welcher Szene ist er bekannt? Anruf bei Ayham Hisnawi, der für den Verein Ufuq.de Projekte an Schulen realisiert. Ufuq.de engagiert sich bei den Themen Islam, Islamfeindlichkeit und Islamismus. Hisnawi hatte bis zu der Veröffentlichung des Sonnenallee-Videos noch nie etwas von Fayez Kanfash gehört, dabei ist er selbst Mitte 20 wie Kanfash, und er ist wie dieser aus Syrien nach Deutschland geflüchtet. Bekannt sei Kanfash aber offenbar schon in Deutschland, denn mehrere Passanten auf der Sonnenallee bitten ihn um ein Selfie. „Das Video wird heiß bei uns diskutiert“, sagt Hisnawi. „Für mich sieht das nach Provokation aus. Wahrscheinlich geht es ihm darum, Follower zu gewinnen.“ Was Hisnawi irritiert: das weiße bodenlange Gewand, das man in Kuwait oder Saudi-Arabien trägt, aber nicht in Syrien. „Wahrscheinlich will Kanfash sich als Vertreter der muslimischen Welt darstellen.“

Auf Youtube sind noch mehr Videos von Fayez Kanfash zu sehen. Die meisten Aufnahmen wurden auf dem Alexanderplatz gemacht. Er wirkt dort ganz anders als auf der Sonnenallee, trägt Jeans oder kurze Hosen und T-Shirt, einen sorgfältig getrimmten Kinnbart, die Haare kurz, an den Seiten rasiert. In einem Clip verteilt er iPhones an junge Leute, die bereit sind, ihm das arabische Glaubensbekenntnis nachzusprechen. Im Islam gilt man damit als konvertiert. Auf einem anderen belohnt er auf diese Weise junge Frauen, die ein Kopftuch anziehen. Aber es gibt auch Videos, die keinen Zusammenhang mit dem Islam haben. So wird reichlich mit teuren elektronischen Geräten entlohnt, wer sein Gewicht richtig angibt, was mit Hilfe einer mitgebrachten Waage kontrolliert wird. „Sozialexperimente“ nennt er das.

Macron-Masken, wie die von Kanfash auf der Sonnenallee verwendete, kann man übrigens für 3,99 Euro im Internet bestellen. Über den Vorfall berichteten auch viele französische Medien.