An der Hand seiner Tante Elisabeth besucht der kleine Kurt 1938 in Dresden die Ausstellung „Entartete Kunst“. Doch anders als der SS-Mann, der sie herumführt, erkennt schon das Kind in Lovis Corinth, Pablo Picasso und Oskar Kokoschka eine Wahrheit jenseits herrschender Schönheitsideale.

Die geliebte Tante Elisabeth fällt dem Euthanasieprogramm der Nazis zum Opfer, Kurt wird nach dem Krieg als Kunststudent den Sozialistischen Realismus kennenlernen, dann wird er kurz vor dem Bau der Mauer in den Westen fliehen und sein Studium bei Joseph Beuys in Düsseldorf fortsetzen. Ein Kind der Zeitenwenden, ein Zeuge dreier politischer Systeme, ein Medium, in dem der Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck mit kühner Geste Künstlerbiografie, deutsche Historie und moralische Fragen von Schuld und Sühne vereint.

Drang zu Höherem

Ein wenig Größenwahn ist zweifellos mit im Spiel im „Werk ohne Autor“, Donnersmarcks neuem Film, der nun im Wettbewerb in Venedig Weltpremiere feierte – nach langen Jahren, in denen die Deutschen dort durch Abwesenheit glänzten oder nur die Rolle von Koproduzenten spielten.

Den Drang zu Höherem kennt man indes von diesem Lehrling des Regie-Altmeisters Richard Attenborough, seit er mit seinem Stasi-Drama „Das Leben der Anderen“ – seinem Spielfilmdebüt – 2007 gleich den Oscar gewann. Es folgte der Flop „The Tourist“, ein mit Angelina Jolie und Johnny Depp besetzter Thriller, in dem Depp genau dort in einen Kanal fiel, wo sich Donnersmarck nun Hoffnung auf einen Löwen macht: in Venedig.

Das Leben Gerhard Richters

In „Das Leben der Anderen“ fand der Regisseur eine Metapher für die staatliche Überwachung der DDR, indem er den Lauscher im Dachboden der Abgehörten platzierte. Man kann ein solches Arrangement historisch völlig inkorrekt finden – welcher Stasi-Spitzel saß seinem Opfer schon geradezu auf dem Kopf? –, tatsächlich aber brennen sich solche Szenen ins Gedächtnis. Sie haben das Zeug zu einer filmischen Ikonografie.

So verhält es sich auch beim „Werk ohne Autor“. Donnersmarck scheint dann ganz und gar bei sich zu sein, wenn er Historie verdichtet, deutsche zumal – insofern war „The Tourist“, diese Hollywood-Verführung im Anschluss an den Oscar, offenbar nur ein Patzer. Für seinen neuen Film orientiert er sich am Leben Gerhard Richters.

Er wird unter dem Namen Kurt Barnert von Tom Schilling dargestellt, der sich als ideale Besetzung erweist: Der 36-jährige Berliner Schauspieler wirkt so jungenhaft wie alterslos, und seine markanten blauen Augen dokumentieren nahezu wie eine Kamera, was dieser wortkarge junge Mann, wenn überhaupt, nur mit Mühe verbalisieren kann. „Nicht wegsehen!“, hat ihm seine Tante Elisabeth mit auf den Lebensweg gegeben, als sie in die Irrenanstalt und von dort aus in die Gaskammer verschleppt wurde. Diesen Imperativ hat er zum Leitmotiv seiner Laufbahn erhoben.

Außerordentlicher Mut

Zum Gegenspieler Kurts erhebt Donnersmarck den von Sebastian Koch mit eisiger Kälte verkörperten Arzt Carl Seeband, ja, diese Figur legt sich wie ein Schatten über das Leben des Künstlers, zumal Seebands Tochter Ellie (Paula Beer) Kurts Geliebte und spätere Frau ist. Seeband ist ein Opportunist, wie er im Buche steht: ein Karrierist im Dienste der Nazi-Medizin, der sich nach dem Krieg die Gunst eines hochrangigen Sowjet-Besatzers erwirbt, so dass er auch in der DDR höchste Positionen erreicht.

Einen Moment größter Konzentration und Intensität erreicht „Werk ohne Autor“, wenn Kurt, dann schon in Westdeutschland und mitten in der Phase fotorealistischer Malerei, wie man sie von Richter kennt – wenn er also am Beginn seiner eigentlichen Karriere auch anhand der Person Seebands die Epochen deutscher Geschichte in ein einziges Gemälde zwingt. Ein Akt außerordentlichen Muts, auch für den Film selbst.

Ein Sittengemälde

Daneben gelingen Donnersmarck immer wieder Seitenblicke in die 50er- und vor allem die frühen 60er-Jahre, die einem das Herz aufgehen lassen. Vor allem Oliver Masucci als Beuys (im Film heißt er Antonius van Verten) hat einige denkwürdige Auftritte zwischen Genialität und Kriegstraumata, er ist ein Mentor, wie man ihn zugleich fürchtet und herbeisehnt.

Überhaupt der Kunstbetrieb der Nachkriegsjahre: zwischen den Wandmalereien, die Kurt in der DDR im Dienste des Staatsaufbaus herstellt, und den Galerieeröffnungen und erregten Pressekonferenzen in der Bundesrepublik zeichnet Donnersmarck ein reiches Sittengemälde und zugleich ein Porträt des Künstlers als junger Mann. Ein gewagter, ein großer Wurf, eines Gerhard Richters würdig.