Es gibt ebensowenig eine Kunst der Geisteskranken, wie es eine Kunst der Magen- oder Kniekranken gibt.“ Das sagte Ende der 1940er-Jahre mit Nachdruck der französische Maler und Sammler Jean Dubuffet, auf den der Begriff „Art Brut“ zurückgeht. Darunter versteht man Bildwerke von sogenannten Außenseitern. Und sie gehören somit – welch ein Glücksfall für die Welt – in den Rang der Kunst.

Als der Arzt und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn von der Heidelberger Universitäts-Psychiatrie um 1920 herum begann, Bildwerke von Patienten – gerade auch rückwirkend aus dem 19. Jahrhundert – zu sammeln, war deren Anerkennung als Kunst ferner als die Distanz der Erde zum Mond. „Irrenkunst“ hieß es abschätzig bis mitleidig. Wenn Geisteskranke malten, zeichneten, formten, war das lediglich eine Beschäftigung.

Moderne Psychopharmaka gab es noch nicht; die Kunsttherapie entstand erst Mitte des 20. Jahrhunderts. Psychisch Kranke wurde in Verwahr-Anstalten untergebracht, wo sie meist ohne jede Stimulation dahinvegetierten. Aus dieser Zeit vor allem stammen jene 120 Bilder, Skulpturen und Objekte, die jetzt in den Räumen der Surrealismus-Sammlung Scharf-Gerstenberg zu sehen sind – eine frappierende Auswahl aus der von Hans Prinzhorn zusammengetragenen Sammlung, mit der er 1922 sein Buch „Die Bildnerei der Geisteskranken“ publizierte. Es sollte bald zur Bilderbibel der Pariser Surrealisten um Max Ernst werden. Er und seine Freunde erkannten früh den künstlerischen Wert der Bilder aus der Psychiatrie und ließen sich von den rätselhaften, fantastischen, von keiner Theorie verbogenen Motivwelten inspirieren.

Die Surrealisten verklärten den Wahnsinn gar zu einem ihrer Ideale. 1924 pries ihr Wortführer André Breton im „Ersten Manifest des Surrealismus“ die alles überwindende Kraft des Wahnsinns. 1928 machte er die Begegnung mit der Schizophrenen „Nadja“ zu einem Roman. Dalí erfand die „paranoisch-kritische Methode“, die wahnhafte Phänomene als Mittel „irrationaler Erkenntnis“ nutzte. Mit den psychischen „Wurzelbereichen“ des Schöpferischen setzten sich auch der Spätsymbolist Alfred Kubin und Expressionisten wie Kirchner, Kandinsky und Klee auseinander. Das Psychotische zog sie magisch an.

Was jetzt in den Räumen des Charlottenburger Hauses der Nationalgalerie an Wänden hängt, in Vitrinen steht, entfaltet eine elementare Kraft. Die von Kyllikki Zacharias kuratierte Schau der Bildwerke aus dem Heidelberger Museum der Prinzhorn-Sammlung trägt den poetischen Titel „Das Wunder in der Schuheinlegesohle“.

Diese „Sohle“ begrüßt einen am Eingang zur Ausstellung: eine Bleistiftzeichnung mit seltsamen Murkelgesichtern, Blüten, Vögeln und einem Seemannsgrab. Carl Lange war der Zeichner, ein Danziger Kaufmann, von Wahnvorstellungen heimgesucht. Ihm war 1882 Gott erschienen, der sagte: Du bist Christus. Die göttliche Mission verschaffte sich fortan Ausdruck: Lange verfasste Pamphlete, entwarf Attentatspläne. In der Nervenheilanstalt sah Lange in den Schweißabdrücken seiner Schuheinlegesohle Szenen und Gesichter; die brachte er zu Papier, das übersinnliche Motiv könnte als Meisterwerk des Surrealismus gelten. Und auch jedes weitere Bildwerk der 42 Maler, Zeichner, Bildhauer aus der Sammlung Prinzhorn – Insassen einer eingeschränkten und zu wenig wissenden Psychiatrie – ist, auf gewisse Weise, rätselhaft, beklemmend, irritierend. Man liest aus den Bildwerken sexuelle Fantasien, Gewalt-Phantasmen, Phobien, Ängste, Wahnvorstellungen. Und berührend naive Visionen einer schönen, verrückt bunten, aber heilen Welt. Und alles, was da auf Papier, Textil oder in Holz zu sehen ist, wurde rückhaltlos und tief aus dem Innersten nach Außen geholt, ohne Kalkül, aber doch auch im Leiden.

Es ist schwer, sich einen Favoriten auszuwählen. Aber Karl Genzel toppt alles. Seine Holzskulptur „Zwitter“, 1920, diese Darstellung der Natur innewohnenden sexuellen Kraft, könnte gut aus einem Völkerkunde-Museum stammen. Und sie ist zugleich auch reinster Expressionismus – jedoch ohne dass dieser in der Irrenanstalt lebende Künstler jemals etwas von einem „Ismus“ gewusst hätte. Das gewaltige Geschlechtswerkzeug und auf der Rückseite Brust und Vagina der Frau fassen auf unbewusst-geniale Weise zusammen, was seit Urzeiten die Welt im Innersten zusammenhält.

Als hätten Karl Genzel und all die anderen Patienten mit Hilfe der Kunstausübung versucht, die Dämonen zu bannen und mit ihrer aus den Fugen geratenen Welt zurechtzukommen.