Mit diesem Exlibris markierten die Sternheims ihre Bücher.
Foto: Bibliothek Hansestadt Hamburg

BerlinIngrid Mertens ist eine bemerkenswerte Frau. Schlagfertig, kerzengerade trotz ihrer 90 Jahre, straff frisiert, buntes Kleid. Wer wie sie immer selbst für den eigenen Unterhalt sorgen musste, nie verheiratet war, lässt sich nicht gehen. Sie strahlt die Aura einer Frau aus, die einst nie ohne schicken Hut das Haus verließ, lebt seit 70 Jahren in der gleichen Mietwohnung, hat Jahrzehnte beim Ullstein-Verlag gearbeitet. Ungelernte Stenotypistin in einer Druckerei war sie – „Ich hatte keine Ahnung“ – in der Nachkriegszeit, dann Sekretärin, zuletzt Personalchefin. Schließlich Frührente und – „Mein Leben begann“, mit Freunden, Reisen, Familie. Eine Berlinerin wie aus dem Bilderbuch.

Ingrid Mertens
Foto:  Nikolaus Bernau

Sternheims spenden Gedichtband mit Widmung Fontanes

Dennoch hat sie sich entschieden, die wenigen noch vorhandenen Dokumente und Fotografien aus der Vorkriegsgeschichte ihrer Familie an die Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek (SUB) zu geben, zusammen mit einem sympathisch abgegriffenen Band mit Gedichten, den Theodor Fontane ihrer Urgroßmutter Marie Sternheim gewidmet hat. Am Donnerstag Vormittag wurde in den nüchternen Räumen der SUB die Übergabe besiegelt. Und damit die Geschichte des deutsch-jüdischen Bürgertums, die deutsche Bibliotheksgeschichte und die Recherche um die Folgen der Ausplünderung jener Menschen um ein weiteres Kapitel bereichert, die seit 1933 erst in Deutschland und dann bis 1945 in fast ganz Europa als Juden verfolgt wurde.

Ergänzt werden mit dieser Schenkung nämlich fünf Bände aus dem Besitz von Ingrid Mertens’ Großeltern Hans und Ida Sternheim, die 1939 gezwungen waren, um des schieren Überlebens willen ihre umfangreiche Bibliothek zu verkaufen. 39 Bände erwarb damals die heutige SUB, nur fünf überstanden die Zeiten, darunter allerdings ein Exemplar der legendären deutschen Prachtausgabe von Cervantes’ „Don Quichotte von der Mancha“, illustriert von Gustave Doré. Sie war offenbar so kostbar, dass sie ausgelagert worden war und damit dem Hamburger Bombenbrand entging.

Nach Verkauf 1939 konnte die Privatbibliothek der Sternheims wiedergefunden werden

Die Bände wurden nach aufwändiger Recherche aufgrund von Erwerbungsakten und einem eingeklebten Exlibris wiedergefunden, wie die Forscherin Anneke de Rudder berichtete. Jetzt sind sie ein Denkmal auch der engen Verbindung zwischen den beiden Städten Berlin und Hamburg: Ihre Urgroßmutter Marie stammte aus dem Grindelviertel nahe der Bibliothek, das einst als Zentrum des liberalen Hamburger Judentums galt.

Marie Sternheim und ihr Mann Sigismund, beide aus dem Judentum zum Protestantismus übergetreten, heirateten im Jahr der Reichseinigung 1871. Sie führten schnell in Berlin im legendären „Maurischen Haus“ am Landwehrkanal ein offenes Haus und waren eng mit Theodor Fontane befreundet. Er beschrieb Marie liebevoll als „so ziemlich die normalste, angenehmste und liebenswürdigste Frau, die ich kenne“.

Zeitgenossen und Freunde des Schriftstellers Theodor Fontane

Über die Bank, in der Siegmund arbeitet, ließ der Schriftsteller seine Honorare laufen, man traf sich am Wochenende und zum Abendessen, schrieb sich Karten und Briefe. Das Geruhsame etwa im „Stechlin“, aber auch die starke Rolle vieler Frauen in den Romanen Fontanes hatten sicher auch ein Vorbild in der Familie Sternheim. Er übernahm auch die Patenschaft, als sich deren 1880 geborener Sohn Jacob Hans kurz vor der Konfirmation 1894 taufen ließ.

Klaus-Peter Möller vom Potsdamer Fontane-Archiv teilte der Berliner Zeitung das Gedicht mit, das Fontane seinem Patensohn damals mitgab: „Das Alte hast du. Hier das Neue. / Dem Neuen die Liebe, dem Alten die Treue, So stehe von nicht geschieden, getrennt / Fortan auf doppeltem Fundament“. Auch Fontane vergaß bei aller demonstrativen Liberalität nie die jüdische Abkunft seiner längst christlichen Freunde, bis hin zur Süffizanz, wenn er dem Patensohn zu Weihnachten 1895 in einen Band von „Vor dem Sturm“ schrieb: „Wannsee, Westend, alles ist bloß Kiez / Kaufe Dir was wie Hohen-Vietz / werde wie Vitzewitzens Lewin / (Vom Hausvogteiplatz – den lass ziehen) …“

Fontane beklagte oft, darin antisemitische Vorurteile aufnehmend, den angeblichen wirtschaftlichen Einfluss „der Juden“, war aber mit vielen Juden und zum Christentum Übergetretenen eng befreundet, sah die Taufe sogar als das wesentliche Mittel, um die Assimilation voranzutreiben. Die Sternheims übrigens ließen ihren Kindern offenbar die Wahl, darauf deutet jedenfalls die späte Taufe von Jacob Hans erst kurz vor der Konfirmation hin.

1944 starben Hans und Marie Sternheim im KZ Ausschwitz

Hans Sternheim, politisch durchaus konservativ und sehr national eingestellt, wurde einer der bekanntesten Bibliophilen Berlins, war in vielen Vereinen und Gruppen tätig. Als Geschäftsführer einer gut gehenden Druckerei – nach dem Krieg, Ironie der Geschichte, arbeitete seine Enkelin als Stenotypistin in ihr – galt er zeitweilig als Millionär. In den 1920ern verfasste er hinreißende Erinnerungen über seine Suche nach alten und neuen Büchern auf dem Hängeboden in Fontanes Wohnung, veröffentlichte Handscheiben von diesem.

Doch 1933 ging auch die Welt von Hans und Ida Sternheim in die Brüche. Er verlor 1934 seinen Posten, zusammen mit der Tochter Käthe, die im gleichen Jahr geschieden wurde, und der 1929 geborenen Ingrid zogen sie immer wieder um, bis zuletzt ein „Judenhaus“ an der Kurfürstenstraße Obdach in zwei kleinen Zimmern bot. Hans und Marie Sternheim starben 1944 im Vernichtungslager Auschwitz, nachdem sie zwei Jahre im KZ Theresienstadt überlebt hatten, vorher vollkommen ausgeplündert worden waren. Ihre Tochter und die Enkelin überlebten in der Lausitz im Versteck.

Wo sind die anderen Bücher geblieben?

Die Sternheims ließen übrigens das Exlibris ihrer Bibliothek mit beiden Namen versehen – durchaus bemerkenswert in einer Zeit, die Frauen keine intellektuelle Kraft zutraute. Ida Marie und „Hanns“, germanisierend mit dem doppelten N. Die Namen rahmen eine Idealansicht des Berliner Alten Museums, dieses Inbegriffs bürgerlich-idealistischer Kunstverehrung. Es stellt sich also die Frage vor diesen Dokumenten der deutschen Bildungstradition: Wo sind eigentlich die anderen Bücher aus der großen und kostbaren Bibliothek von Hans und Ida Marie Sternheim geblieben? Bei der Versteigerung 1939 jedenfalls wurden ganze Konvolute als aus „nichtarischem Besitz“ stammend markiert, der Cervantes trug die Nummer 1063 und war bei weitem nicht das letzte aus blanker Not verkaufte Buch.