West-Berlin-Revue in der Schaubühne: Reinald Grebe sollte lieber weiter Brandenburg-Hymnen singen

Sagen wir es gleich so: Rainald Grebe hat keine Ahnung von West-Berlin. Verfasst ein Stück darüber und wählt ausgerechnet den Titel „Westberlin“. Ohne Bindestrich, wie es der Osten nach der Teilung der Stadt zu schreiben beliebte. Während Berlin reserviert blieb für die eigene unglamouröse Stadthälfte: Berlin, Hauptstadt der DDR, Sieger der Geschichte, ha! Aber Rainald Grebe findet die Ost-Schreibweise richtig, weil er ja 1991 in den Osten kam und nicht wieder ging. Weil er West-Berlin bis heute nicht kennt, wie er überall freimütig erzählt. Er wurde Prenzlauer Berger und fertig.

Es hat ihm nicht geschadet, im Gegenteil. Der junge Mann aus Frechen bei Köln, Puppenspieler, Kabarettist, Schauspieler und Regisseur wurde ein bemerkenswerter Großunterhalter, gibt die Rampensau mit seiner Kapelle der Versöhnung, bringt Zehntausende Menschen in Theatern und auf riesigen Freilichtbühnen zum Lachen. Und von seinen Hymnen über Brandenburg und Prenzlauer Berg kann man gar nicht genug kriegen.

Ihn hat der Schaubühnen-Intendant ausgewählt, ein Stück über das Leben der Insulaner zu verfassen. Thomas Ostermeier legte schon vor zwei Jahren fest, dass es hohe Zeit sei für eine gütige Betrachtung des alten Westens. Der liegt schließlich wie die DDR als abgeschlossenes Sammelgebiet vor. Rainald Grebe ging also los und spürte der untergegangenen Insel nach. War fleißig. Traf Menschen, die ihm von den wilden Jahren erzählen. Und versammelt sieben von ihnen auf der Bühne – seinen Chor der Zeitzeugen.

Geschichten am Tresen

In einer Eck-Kneipe mit Tresen und Drehbühne erzählen sie ihre Geschichten. Der unerhört eloquente Currywurst-Experte, der dem Kiosk am Amtsgericht nachtrauert. Der Schöneberger Sängerknabe, der sich als Stricher wohlfühlte und im Chez Romy Haag auftrat. Die 84-Jährige, die über die Zigaretten aus den Rosinenbombern besser Bescheid weiß als über deren Rosinen. Die Stewardess, die daran erinnert, dass früher vor amerikanischen Filmen im Kino die Nationalhymne lief, während der es keinen Einlass gab. Die Genossin, deren SEW-Chefs sie garstig behandelten, obwohl sie freie Parteienwahl hatte. Die Steuerberatertochter aus Osnabrück, die bei den Scientologen, den Hells Angels und bei Buddhisten anheuerte, bevor sie Entspannungstherapeutin wurde. Die WG-Gründerin mit 600 Quadratmetern Fabriketage, in der am Ende Ratten das Regime übernahmen. Eine illustre Runde, jaja, so war das eben damals. Nur wie sind die Laien in das Stück eingebaut? Gar nicht – sie sind das Stück. Werden ergänzt durch Profi-Schauspieler, die auch etliche historische Schnipsel mit Spiel und Gesang beitragen. Mehr kommt nicht.

Im Vorfeld schwärmte Grebe von dem besonderen Lebensgefühl, das ihm in Erzählungen über das damalige West-Berlin begegnete. Als die Künstler nicht zuerst an Geld und Karriere dachten, sondern sich berauscht sorgloser Kreativität hingaben. Die Anstrengung von sechs Kellnerjobs pro Monat reichte als Einkommen. Interessant! Und – hatten sie ein schlechtes Gewissen, sich von den braven Malochern im Rest-Westen aushalten zu lassen? Suchten sie heimlich nach einem anderen Sozialismus? Störten die Türken? Lauter Fragen.

Ungewohnte Längen

Muss man nicht beantworten. 44 Jahre passen in keine Revue, und ohnehin hat jeder einen eigenen Blick auf die Stadt. Nur der Regisseur braucht offenbar keinen. Er nimmt, was da ist und von allem zu viel. Assoziative Splitter – Luftbrücke, Filmfestspiele, Mauerbau, Wohnungssuche, Schüsse auf Benno Ohnesorg. Peter Steins „Sommergäste“ mit frischen Birken sprengen schon den Rahmen. Rainald Grebe selbst erscheint als Orson Welles, Rolf Eden, Wolfgang Neuss, das hat etwas herrlich Rührendes, auch alte Knef- und Bowie-Songs lösen Erinnerungsseligkeit aus. Die West-Berliner Typenschau als langes Defilee – der Junkie, die Pelztussi, der Dandy, die Tunte, der Mönch, die Alternative, der Sponti – feinste Kostümbildnerarbeit. Eine Revue darf ja vieles, belehren, schwadronieren, sich überladen, zeitlos mäandern. Nur eins darf sie nicht, zusätzlich über so lange Strecken anstrengend und freudlos langweilen wie diese.

Sie endet unerwartet im August 1945 mit einem Schuss auf den Philharmoniker-Dirigenten Leo Borchard. Warum? Keine Ahnung, Peng, Schluss. Die zwei Stunden fünfzehn Schaubühne haben lange gedauert. Das wäre Grebe mit seinen frei finanzierten Programmen nicht passiert.

Weitere Aufführungen 12. und 13. 10., 23.–26. 11., 29., 30. 11., Tel.: 89 00 23.