Der Western mit seinen unzerstörbaren Mustern von Gut und Böse. 
Thomas Aurin

Berlin - Zehn Tänzer stehen als absurde Lego-Figuren verkleidet auf der Bühne. Die einen sind die Indianer, die anderen die Cowboys. Bumm macht es, und da schießen sie sich auch schon gegenseitig tot. Ach nein, falsch. Nur die Cowboys schießen die Indianer tot. Das ist die Geschichte, wie sie stattgefunden hat. Albern? Lustig? Banal?

„The West“, das neue, rasante und grandiose Stück von Constanza Macras besteht aus nichts anderem als aus Versatzstücken der westlichen Populärkultur, die bis zur Kenntlichkeit gesampelt, remixed und durch den Fleischwolf gedreht werden. Das Lego-Figuren-Spiel gerät zu einer der härtesten Szenen des Abends. Viel ist zu diesem Zeitpunkt schon passiert, es wurde wild getanzt und wild gesungen. Männer lehnten sich an Kakteen in einer endlosen Prärie, Videos waren zu sehen, Cowboy-Filme wurden nachgespielt. Geschossen wurde auch schon in vielen chaotischen und hochakrobatischen Variationen.

Damit das Gute siegt

Fernanda Farah hat aus ihrer Kindheit in den 80er-Jahren in Argentinien erzählt (sie ist Brasilianerin, aber Constanza Macras kommt aus Argentinien), von den Telenovelas und den Cowboy-Filmen, die ihre Eltern so liebten, von John Wayne, der fast mit zur Familie gehörte. Ach ja, und irgendwas war da noch. Stimmt, Argentinien wurde unter Einfluss des Westens zu einer Militärdiktatur. Aber das nur nebenbei.

Alles geschieht nur wie nebenbei an diesem Abend. Verschiedene Geschichten der Ausrottung von Menschen und Kulturen werden so gestreift. Nicht böse oder hart, sondern eben auf die Weisen, wie sie sich in der westlichen Populärkultur spiegeln und wiedererzählt werden. Als bonbonbunte, rasante, lustige Revue. Als Geschichte, die eigentlich immer dem gleichen Narrativ folgt, nachdem die weißen Helden vielleicht auch Schlechtes tun − aber sie tun es immer nur, weil es sein muss und damit das Gute siegen kann.

Die Didaktik der Unterhaltung

So haben wir es alle eingeübt in unseren lustigen Cowboy- und Indianer-Spielen der Kindheit. Und so, wie Constanza Macras es in „The West“ zeigt, wird etwas von dem ungeheuren Zynismus dieses Spiels offenbar und von der dahinter wirkmächtigen Didaktik, die dabei und in der massenmedialen Unterhaltung insgesamt am Werk ist.

„The West“ ist so etwas wie ein Ritt durch unser von diesen Bildern geprägtes Unbewusstes. Manchmal, vor allem in der ersten Hälfte des Abends, droht die Show dabei selbst in den Banalitäten der Nachstellungen zu versanden. Und manchmal verwandelt es sich seinen Nachstellungen auch zu sehr an.

Etwa wenn in einer, allerdings grandios gestellten Szenerie, Fernandah Farah als indische Göttin über einen Wettbewerb des Twerkens wacht − ein Tanzstil, bei dem ruckartig mit den Hüften gewackelt wird. Wüsste man nicht aus einem Interview, dass die Choreografin im Vorfeld gegeben hat, dass sie Figuren wie Jennifer Lopez oder Shakira für ein westliches, neukoloniales Stereotyp der „Latina“ hält. Bei der Inbrunst und Ironielosigkeit, mit denen die Tänzerinnen in entsprechenden Kostümen den Latina-Verschnitt geben, könnte man glatt glauben, Macras säße der Behauptung auf, hier sei weibliche Selbstbestimmung am Werk. Dabei, ach ja (auch das wird nur ganz am Rande erwähnt), wurde ja auch in Lateinamerika die indigene Bevölkerung ausgerottet. Die „Latina“ ist auch in diesem Sinn des „authentischen“ eine neokoloniale Fantasie.

Ordentlich zerfleischen

Zombies dürfen nicht fehlen an einem Abend, der sich an so etwas wie einem rasenden Stillstand der popkulturellen Bilder versucht. Sie begegnen uns immer wieder. Schon gleich am Anfang ruckeln alle so komisch auf die Bühne, zwischendurch gibt es eine ausführliche Anleitung von Emil Bordàs, der hey, schon mal in einem echten Zombie-Film mitspielen durfte, und unter seiner Regie geht es ordentlich ans gegenseitige Zerfleischen.

Am Ende dann wird die Szene eines Westernfilms zum xten Mal nachgestellt, in der die Tochter vom Vater die Verteidigung ihrer Ehre fordert. Männerbilder, Frauenbilder. Als Zombies und ewige Wiedergänger haben die sich ja auch bis in die Gegenwart erhalten.

Schon mit „Der Palast“ hatte Constanza Macras an der Volksbühne einen echten Renner gelandet. Mit „The West“ dürfte das jetzt nicht anders sein. Ab 2021, wenn René Pollesch die Intendanz der Volksbühne übernimmt, wird sie zu den Hausregisseurinnen gehören. Eine offenbar sehr gute Entscheidung.

The West 29. Februar, 5., 6., 27. März, 20Uhr, Volksbühne, Karten unter Tel.: 24065777 oder: volksbuehne.berlin